Musik. In der zweiten Saison mit ihrem Chefdirigenten Andrés Orozco-Estrada bewahren sich die Tonkünstler den Reiz des Neuen. Das Orchester präsentiert zum Saisonauftakt ein frisches Programm.
I n der Wirtschaft spricht man von einem „Turnaround“, wenn eine Organisation vor der Aufgabe steht, mit einer radikalen Kehrtwende aus einer Krise zu kommen. Die Kunst ist es dabei, nicht nur kurzfristig das Steuer herumzureißen, sondern nachhaltig in stabiles Fahrwasser zu kommen. Dem Tonkünstler-Orchester war unter Kristjan Järvi eine erste Kehrtwende geglückt: Der junge und charismatische Dirigententänzer hat dem einstmals als verstaubt geltenden Klangkörper ein modernes Profil gegeben. Mit einigen Projekten erwarb sich das Orchester bei Insidern den Ruf der spannendsten Band Österreichs. Manch einem Kritiker kam unter der Leitung des jugendlichen Esten, der allen Elan in den Moment, in die Performance legte, jedoch die langfristige Arbeit an den musikalischen Feinheiten zu kurz.
Andrés Orozco-Estrada als neuer Publikumsliebling
Etwas weniger Feuerwerk, etwas mehr Solidität – diese Erwartungen verbanden sich für viele mit der Berufung des neuen Chefs Andrés Orozco-Estrada, der zwar gleichermaßen jung ist, aber doch auf den ersten Blick ein bodenständigeres Gegenprogramm zum Vorgänger zu vertreten schien. Ein Ende des Turnarounds? Wer fürchtete, mit Orozco-Estrada setze die Restauration ein, der konnte sich in der ersten Spielzeit begeistert die Augen reiben: Der Kolumbianer wurde schon mit seinem Eröffnungskonzert voll Esprit zum Publikumsliebling, und offenbar gelang es ihm, das Ensemble für seine Vision von Musik zu gewinnen.
Nun, mit der zweiten Saison, wenn die Neugier nachlässt und womöglich die Routine einsetzen könnte, muss sich die Zusammenarbeit weiter beweisen. Und siehe da: Die Tonkünstler entdecken eine neue Form der entspannten Lässigkeit, die manch einer ihnen wohl kaum zugetraut hätte. Wo einst der Aufbruch in die Moderne noch wie eine One-Man-Show wirkte, scheint nun eine Einheit gewachsen zu sein, die authentisch für die Vision steht, die die Tonkünstler im Turnaround entwickelt haben: die Verbindung von Tradition und Innovation.
Aufhören? Zuhören!
In der beginnenden zweiten Spielzeit steht schon das Eröffnungskonzert beispielhaft für diese Philosophie: Neben Mendelssohn Bartholdys Zweiter Symphonie, einem der beeindruckendsten Werke der Romantik, gibt es die Uraufführung einer Symphonie für Orchester des jungen heimischen Dirigenten Gerald Resch. Doch die Tonkünstler gehen – bei aller Pflege des traditionsreichen Repertoires – noch weiter: Mit der neuen Reihe „Aufhören? Zuhören!“ widmen sie sich künftig in jeder Saison in einem Konzert ausschließlich Werken der jüngeren Musikgeschichte und demonstrieren ihrem Publikum, dass sich das Hinhören gerade hier lohnen kann. Heuer gibt es mit Stücken u. a. von Olga Neuwirth, Alma Maria Mahler oder Kaija Saariaho einige Kostbarkeiten zu entdecken. Entsprechend der neuen entspannten Lässigkeit lädt das Orchester anschließend zu einem Chillout, ebenso wie künftig regelmäßig nach der bereits etablierten „Plugged In“-Reihe, für die die Tonkünstler Stars des Jazz und der Weltmusik zu sich auf die Musikverein-Bühne laden. Den Auftakt in der neuen Spielzeit macht hier ein Konzert mit symphonischem Klezmer. Wem dies alles schon fast zu viel Innovation ist, der kann beruhigt sein: Auch auf Stars der Klassik darf sich das Publikum freuen. Im Herbst ist unter anderem der türkische Pianist Fazil Say mit Tschaikowskis Erstem Klavierkonzert zu Gast. Ohne Chillout, aber sicher auch mit viel Flair und Esprit.
Von Martin Zierold









