Klassisch. In ganz Centrope locken Festivals das Publikum mit hochkarätigen Opern- und Klassikprogrammen.
V om amerikanischen Lyriker William Carlos Williams stammt eine der vielleicht schönsten Liebeserklärungen an den Sommer, die Jahreszeit der lauen Abende und der Lebensfreude: „In summer, the song sings itself“, hat Williams einst notiert – im Sommer singt das Lied sich selbst. So sehr dieser Satz das sommerliche Lebensgefühl der Leichtigkeit spiegelt, so ist er sachlich natürlich nicht ganz korrekt, denn noch braucht es doch Menschen, damit Musik erklingt. Die zahllosen Künstler, die ihre Abende auf den Konzertpodien und Opernbühnen der Welt verbringen, können davon – Pardon – ein Lied singen. Dank des nach wie vor andauernden Festivalbooms ist jedoch tatsächlich mehr Musik denn je im Sommer zu hören, und dies gilt ganz besonders in der Kulturregion Centrope, die traditionell ein Zentrum der sommerlichen Musikfestivals ist.
Für den Musikliebhaber kann es auch 2010 wieder beinahe in Stress ausarten, wenn man keinen Höhepunkt auslassen möchte. Da wären zunächst die etablierten Opernfestivals, die in diesem Jahr mit wahren Gassenhauern um die Gunst der Besucher buhlen: Das Opernfestival Klosterneuburg entfacht heuer mit Georges Bizets „Carmen“ ein Feuer andalusischer Rhythmen und Leidenschaft. In Gars setzt die künstlerische Leitung um Karel Drgac einmal mehr auf die Sogwirkung von Giuseppe Verdi: Nachdem in der Burgruine am Kamp bereits 2008 die „Aida“ für Begeisterung gesorgt hatte, steht nun die kaum minder beliebte „La Traviata“ auf dem Programm.
Ein wenig abseits der bekannten Pfade bewegt sich traditionell das Festival in Retz, das oftmals selten gespielte Werke der Vorklassik einen Raum gibt. Mit Purcells „Dido und Aeneas“ lässt sich hier in diesem Sommer eines der vielleicht bewegendsten Werke des Barocks genießen. Gleich zwei Opern bilden den Mittelpunkt des Klassik-Festivals auf Schloss Kirchstetten: In Anspielung auf die legendenumwobene Konkurrenz zwischen Mozart und Salieri ist hier das Publikum aufgerufen, einem „Opernwettstreit“ der beiden Meister beizuwohnen. An einem Abend gibt es sowohl Salieris „Prima la musica“ als auch Mozarts „Schauspieldirektor“ zu hören – ob die Zuschauer anschließend einen der beiden Komponisten per Telefon abwählen dürfen, ist jedoch nicht bekannt. Wem auch zwei Opern noch zu wenig erscheinen, für den ist sicher ein Galaabend die richtige Wahl: Ein Feuerwerk dürfen die Besucher des Musikfestivals in Böhmisch Krumau erwarten, das in diesem Jahr den argentinischen Startenor José Cura gewinnen konnte. Da das Eröffnungskonzert des Festivals binnen kürzester Zeit ausverkauft war, wurde eigens ein Zusatztermin mit Cura anberaumt. Darüber hinaus finden sich auf dem Programm weitere musikalische Perlen, die auch eine längere Anreise lohnen – etwa Konzerte mit Gidon Kremer, Vadim Gluzman oder dem Jazztrompeter James Morrison.
Abseits der Perückenorchester
Dass auch die Hauptstadt Österreichs im Sommer nicht ganz den perückentragenden Mozartorchestern überlassen wird, ist dem Theater an der Wien zu verdanken. Im Haus am Naschmarkt kennt man keine Sommerpause, was musikhungrigen Daheimgebliebenen die Gelegenheit gibt, Johann Strauß’ „Fledermaus“ oder den von der Sopranistin Nadja Michael gestalteten Abend „Orlando Misterioso“ zu erleben – eine „inszenierte Liedreise“ mit Werken u. a. von Hugo Wolf, Gustav Mahler und Richard Strauss.
Kaum weniger Angebot gibt es auch jenseits von Lied und Oper: Das von Lukas Hagen geleitete Hagen Open etwa findet 2010 bereits zum siebten Mal statt und hat längst nicht mehr nur den Status eines Geheimtipps. Geheim ist allerdings bisher noch das Programm der fünf Konzerte, die im Rahmen des Festivals Mitte Juli stattfinden werden. Doch auf Burg Feistritz lockt man die Besucher ohnehin mit der fast familiären, intimen Gesamtatmosphäre – hier wartet das Publikum auch gerne länger auf die Bekanntgabe des Konzertprogramms.
Keine Überraschung ist hingegen, dass das XXVI. Chopin Festival in der Kartause Gaming zum 200. Geburtstag des Komponisten ein besonders feierliches Programm auflegt. Neben dem Eröffnungskonzert gehört dazu unter anderem ein nächtliches Konzert bei Kerzenschein. Romantisch geht es auch bei Allegro Vivo im Waldviertel zu. „Wie im Traum“ ist heuer das Motto des Festivals unter der Leitung des Tonkünstler-Konzertmeisters Bijan Khadem-Missagh. In über 50 Konzerten wird u. a. Robert Schumann gefeiert, dessen Geburt ebenfalls 200 Jahre zurückliegt.
Ein ganz besonderes Gedenken steht schließlich schon traditionell im Mittelpunkt des Kammermusikfestivals Schloss Laudon in Wien: Das vom aron quartett gemeinsam mit Michael Haas, dem Musikkurator des Jüdischen Museums Wien, gestaltete Festival widmet sich alljährlich als Schwerpunkt Komponisten, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt wurden.
Die Musik spielt sich also auch im Sommer noch nicht selbst. Aber das Publikum in Centrope kann sich glücklich schätzen, aus einem wahren Füllhorn musikalischer Höhepunkte wählen zu können – den Musikern sei Dank.
Von Martin Zierold









