Jeffrey Tate dirigiert die Tonkünstler in St. Pölten und Wien.
© Matthia Mramor
Je ein Werk des jungen und des hochbetagten Richard Strauss umrahmen das Konzertprogramm „Heldenleben“ der Tonkünstler.
Zwei Werke des jungen und hochbetagten Richard Strauss umrahmen das Konzertprogramm, das Gegensatzpaare wie Sieg und Niederlage als auch Gewinn und Verlust beleuchtet. Ausgehend von der exaltierten Tondichtung „Ein Heldenleben“ wendet sich das Programm dann dem „Musikalischen Opfer“ von Bach in einer Bearbeitung Anton Weberns zu. Kurz vor Ende des zweiten Weltkriegs schrieb Strauss mit seinen „Metamorphosen“ schließlich einen Abgesang auf eine in Trümmern versunkene Kultur. Das düstere Werk sah der Komponist wohl auch in selbstkritischer Reflexion als „Widerschein meines ganzen vergangenen Lebens“.
Walter Weidringer schreibt im Tonkünstler-Magazin: Der Künstler als juvenil-übermütiger Held – und als alter Mann, der tief bewegt vor den Trümmern seiner versunkenen Welt steht: Von Richard Strauss’ „Ein Heldenleben“ bis zu den Abschiedsklängen seiner „Metamorphosen“ spannt sich ein grandioser, bedeutungsvoller Bogen – und eine tiefgreifende Entwicklung. Der feinsinnige Strauss-Kenner Jeffrey Tate ist aufgeboten, den Abend am Pult der Tonkünstler zu einem faszinierenden Doppelporträt zu formen.
Gift und Galle
Die Kritiker, so schrieb Richard Strauss 1899 nach einer Aufführung seiner neuen Tondichtung „Ein Heldenleben“ an seinen Vater, „spuckten Gift und Galle, hauptsächlich weil sie aus der Analyse zu ersehen glaubten, dass mit den recht hässlich geschilderten ‚Nörglern und Widersachern’ sie selbst gemeint seien und der Held ich selbst sein soll, was letzteres jedoch nur teilweise zutrifft“. In der Tat wollten viele dem damals erst 35-jährigen Komponisten nicht durchgehen lassen, dass er sich in diesem Werk in pompösem Es-Dur als musikalischer Heros der allerdings heldengläubigen Wilhelminischen Epoche zu inszenieren schien. Kein Wunder, klingt uns doch nicht zuletzt unbändige bajuwarische Vitalität und eine gehörige – aber nicht per se abstoßende – Portion Selbstbewusstsein aus jenen Tönen entgegen, die eingangs in einem weit sich aufschwingenden, mitreißend gesteigerten Thema den „Helden“ schildern.
Weltflucht und Vollendung
Wie kleinlich, miesepetrig und piesackend nehmen sich dagegen die Nörgeleien von „Des Helden Widersacher“ aus, welche sich gleich im nächsten Abschnitt auf den Plan gerufen fühlen! Mag sodann „Des Helden Gefährtin“ in Gestalt eines kapriziös-launischen, quecksilbrigen Violinsolos auch recht konkret dem Wesen der Komponistengattin Pauline Strauss nachempfunden sein und in „Des Helden Friedenswerke“ ein prächtiges Bukett an Strauss-Zitaten gewunden werden, so weitet sich das vermeintlich platte Selbstporträt in den stürmischen Kämpfen von „Des Helden Walstatt“ und vollends in „Des Helden Weltflucht und Vollendung“ weg von jeder platten Biografik. Der innig strömende Abgesang, mit dem das Werk schließt, bevor sich die nachkomponierten letzten Akkorde nochmals mächtig aufbäumen und doch leise verklingen, gehört zu den herrlichsten Eingebungen in Strauss’ ganzem Schaffen. Nein, im „Heldenleben“ steckt doch weit mehr, als die „Widersacher“ wahrhaben wollten – zumal es musikalisch für die junge Generation eines Schönberg oder Bartók wichtige Vorbildfunktion einnahm.
Musikalisches Opfer
Johann Sebastian Bachs großartiges Ricercar zu sechs Stimmen aus dem „Musikalischen Opfer“ in Anton Weberns ebenso glasklarer wie ungemein bewegender Instrumentation mag in diesem Konzertprogramm als Dreh- und Angelpunkt fungieren, der uns zur Kehrseite der Medaille befördert – zum im wörtlichen Sinne „Gegenstück“ des Abends, bei dem sich der hemdsärmelig auftrumpfende Held von einst zum geläuterten, ja, wohl auch gebrochenen alten Mann gewandelt hat, weise geworden durch schmerzliche Erfahrung, der Welt abhanden gekommen in der vermeintlichen Gewissheit, dass ihm und zumal seinen Opern keine Zukunft mehr beschieden wäre.
Trauer um München
Denn mit der Zerbombung der Münchner Oper 1943 und der 1944 durch die Nazis verhängten allgemeinen Theatersperre betrachtete der 80-jährige Strauss sein künstlerisches Schaffen als beendet. Doch als der Schweizer Dirigent und Mäzen Paul Sacher bei ihm ein etwa halbstündiges Werk für Streicher bestellte, nahm er den Auftrag dankend an, um ihn als Nachruf zu gestalten: „Trauer um München“ ist eine frühe Skizze überschrieben. Freilich konnte er damals nicht ahnen, dass ihn während der Komposition weitere Hiobsbotschaften erreichen würden: Mit der Zerstörung der Dresdner Semperoper und der Wiener Staatsoper 1945 waren seinem Empfinden nach die musikalische Welt und damit die deutsche Kultur an ihrem unweigerlichen Ende angelangt. Wenige Wochen vor dem Ende der Nazidiktatur und damit des zweiten Weltkriegs war die Partitur der „Metamorphosen“ dann vollendet.
Mediziner und Dirigent
Kein Heldenleben also. Den Begriff des Helden sehen wir ja auch längst und zu Recht kritisch an. Wenn ein Held aber ein Vorbild im Überwinden widriger Umstände ist, dann trifft das auf den immer wieder gerne bei den Tonkünstlern gastierenden Briten Jeffrey Tate zu: Der studierte Mediziner und international gefragte Pianist und Dirigent hat sein Le bensziel in der Musik gefunden, wird vor allem für seine Mozart- und Strauss-Interpretationen gerühmt – und kann dabei alle Fesseln seiner von Geburt an schwer beeinträchtigten Gesundheit abstreifen.
Von Werner Schuster








