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Passagen, Päpste, Präsidenten, Prozessionen

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Passagen, Päpste, Präsidenten, Prozessionen

Dem Sänger und Schauspieler Harry Belafonte ist heuer ein eigenes Tribute gewidmet
© Filmarchiv Austria

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Passagen, Päpste, Präsidenten, Prozessionen

Peter O’Toole in Bernardo Bertoluccis „Der letzte Kaiser“
© Filmbild Fundus

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Passagen, Päpste, Präsidenten, Prozessionen

Harry Belafonte
© Viennale

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Personen. Vielschichtige Persönlichkeiten stehen im Mittelpunkt des Programms der 49. Viennale. Ein Streifzug.

Habemus Papam!“ – Mit diesem Aufschrei steigen wir in den neuen Nanni-Moretti-Film mit dem besten Michel Piccoli, den es je gab, ein. Die Geschichte vom Priester, der überraschend zum Papst gewählt wird, aber mit dem vom Volk abgeschnittenen Leben nicht zurechtkommt, erinnert an Giovanni Paolo I., der nicht mehr als 33 Tage im Amt überlebte. Den Filmpapst Piccoli hält es nicht einmal 33 Tage auf dem Stuhl Petri, ehe er beschließt, einige Tage in der Menge der „normalen“ Menschen unterzutauchen. Anhand dieses fiktiven Papstes, der lieber auf Tuchfühlung mit der heutigen italienischen Gesellschaft geht, als umgeben von Kardinälen für vatikanische Ränkespiele zur Verfügung zu stehen, zeigt Moretti mit gewohnter Tiefenschärfe auch die Abgründe, die sich im heutigen von Berlusconi dirigierten Italien auftun.

Ein weiterer Großer des Regiekinos, Aki Kaurismäki, liefert mit „Le Havre“ eine Art Musical im Stil der 50er oder 60er Jahre ab, in einer künstlichen Welt, in einer Nichtzeit, an einem Nichtort angesiedelt. Die Hauptakteure, ein älteres Ehepaar (Kati Outinen und André Wilms), gelangen unverhofft in den „Besitz“ eines kleinen schwarzen Jungen, der als Einziger aus einem Container entschlüpfen konnte, welcher vollbeladen mit illegalen Einwanderern in den Hafen eingeschmuggelt worden ist, wo deren Reise aber durch das Eingreifen der französischen Polizei abrupt zu Ende geht. Das Ehepaar nimmt den Kleinen auf, versteckt ihn, verhilft ihm schließlich mit falschen Papieren zur Flucht nach England. Wie die kleine Familie das zustande bringt, ist äußerst sehenswert, ja herzzerreißend, ein völlig neues Kaurismäki-Gefühl.

Die Hauptrolle in Robert Guédiguians „Les neiges du Kilimanjaro“ spielt der großartige Jean-Pierre Darroussin, der auch in Kaurismäkis neuem Film brilliert. Diesmal tut der Durchschnittstyp das im Umfeld einer Gruppe von einstmals politisch engagierten Hafenarbeitern in Marseille, wo täglich Entlassungen stattfinden, weil der Hafen kaum noch Arbeiter braucht. Das Ehepaar Darroussin /Ascaride ist um die 60 und kommt langsam drauf, dass es seine ehemals radikalen Ansichten in den letzten Jahren als ältliche Kleinbürger nach und nach in dem kleinen Garten beigesetzt hat, in dem sie jetzt ihre Kohlrabi pflegen. Da hilft auch die Ankunft junger engagierter Gastarbeiter nichts – sie haben nicht mehr die Kraft, sich in ihnen wiederzufinden. Der Titel des Films zitiert einen Sommerschlager aus den 70er Jahren, an den sich das alternde Ehepaar manchmal erinnert.

Dokumentarisch

Ein eigener Schwerpunkt ist Dokumentarfilmen gewidmet. Im Mittelpunkt von José María de Orbes’ „Aita“ steht ein Haus und was in ihm und mit ihm passiert, aus verschiedenen Blickwinkeln erzählt – experimentelles Kino, das ins Surreale zu kippen droht. Joerg Burgers „Agnus Dei“ ist ein Film über die Osterprozessionen in Palermo auf Sizilien, in denen Religiosität erlebbar wird, wie wir sie in unseren Breiten nicht mehr kennen: Inbrunst, Wunderglaube, alles bis ins Theatralische und Inszenierte übersteigert, monotone Musik, in der sich durch das ewige Wiederholen afrikanischer, normannischer und heidnischer Elemente die Akteure in tranceartige Autosuggestionen steigern. Wenn sie zurück in ihre Kirche kommen, vermitteln die Männer ein Bild von erschöpften, ausgeweideten, vielfach hysterisch weinenden Wracks, die sich kaum noch auf den Beinen halten können. Ein Film über die Anfälligkeit für Rituale egal welcher Religion oder Himmelsrichtung. Ruth Beckermann führt uns in „American Passages“ in einer assoziativen Reise durch die USA: von desillusionierten Irak-Veteranen über homosexuelle Adoptivväter, schwarze Richterinnen und weiße Partylöwen bis zu einem Zuhälter am Spieltisch eines Casinos in Las Vegas. Und Hugues Le Paige reflektiert in seinem Opus „Le prince et son image“ seine Arbeit als Filmemacher. Er begleitete jahrelang François Mitterand und machte mehrere Filme über seine politische Karriere. 20 Jahre später hinterfragt er nun sein Verhältnis als Filmemacher zur Macht.

Tributes

Als Verbeugung vor dem großen Schauspieler, Sänger und Bürgerrechtler Harry Belafonte, dessen Autobiografie im Herbst auch in Europa herauskommt, ehrt die Viennale den 84-Jährigen mit einem Tribute. Neben einer Doku über sein Leben („Sing Your Song“) von der Filmemacherin Susanne Rostock werden sechs Filme des Entertainers gezeigt, der als Erster eine Schallplatte mehr als eine Million Mal verkauft und den „Calypso“ neu erfunden hat, darunter auch der berühmteste – Otto Premingers „Carmen Jones“.

Das zweite Tribute gilt dem britischen Filmproduzenten Jeremy Thomas. Allein wie Thomas sich für Bertoluccis „Last Emperor“ in China aufgerieben hat und dabei hart daran war, Kopf und Kragen zu verlieren, wäre schon ein Tribute wert. So scheinen es auch die besten Regisseure zwischen Kanada und Australien zu halten, denn von Nagisa Oshima über Stephen Frears bis zu Bob Rafelson und Nicolas Roeg sind alle voll des Dankes für die Zusammenarbeit mit diesem wesentlichen Produzenten. Der Letzte, der sich bedanken konnte, war David Cronenberg: „A Dangerous Method“ erzählt die Dreiecksgeschichte zwischen Freud, Jung und Sabina Spielrein, wurde zu einem kleinen Teil auch in Österreich gedreht und wird im Rahmen einer Gala für Jeremy Thomas gezeigt.

Retrospektive

Im Filmmuseum dreht sich heuer während der Viennale alles um die belgische Regisseurin Chantal Akerman, die zurzeit ein wenig aus der Mode gekommen zu sein scheint. Sie ist eine vielseitige Filmemacherin, eigentlich der „Post-Nouvelle-Vague“ zuzurechnen, aber offen für fast jede Art von Kino. Sie hat sich für die Avantgarde („Je, tu, il, elle“) ebenso wie für das populäre Genre („Eine Couch in New York“) interessiert, für lesbisch-feministische Ansätze ebenso wie für ihre eigene jüdische Geschichte oder für das gar nicht jüdische Palästina. An die 40 Jahre ihres oft unbequemen Schaffens werden in der Personale gezeigt.

Historische Schätze

Nach dem Erfolg im letzten Jahr zeigt das Filmarchiv Austria heuer die Fortsetzung von „Silent Masters – Österreichisches Stummfilmkino der 1920er-Jahre“. Im Rahmen dieser Reihe werden wieder einige neu restaurierte Filme, wie beispielsweise „Frau Dorothys Bekenntnis“ von Michael Kertész oder „Der Mann, der zweimal starb“ von Franz Herterich, präsentiert.

Andreas Kövary


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