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Kottan, Russen und Kampf um die Stadt

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Kottan, Russen und Kampf um die Stadt

„Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte“ von Michael Moore
© Verleih

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Kottan, Russen und Kampf um die Stadt

Chaplin (in „The Rink“)
© Österreichisches Filmmuseum

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Winterkino. Langweilig wird es nicht: Auch nach der Viennale bieten die Programmkinos üppige Filmreihen und Schwerpunkte, die zu blockweisem Kinobesuch einladen. Großes Gegenwartskino, der komplette Chaplin, Peter Patzaks 65er – und warm ist es im Kinosaal auch noch.

Das Kino dieses Winters gibt sich kämpferisch und doch traditionsbewusst. Im Cinema Paradiso – dem Kino, nicht dem Film – fragt sich Michael Moore durch die Wall Street. Es gäbe da nämlich noch ein paar Details zu klären, die uns alle interessieren. Etwa: Wo ist eigentlich das ganze Geld geblieben? Während Moore in seinen letzten beiden Filmen „Sicko“ und „Slacker Uprising“ betont amerikanische Themen behandelte, kehrt er mit „Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte“ zur Weltpolitik zurück. Das inzwischen bartlose Schwergewicht der lockeren Dokumentarattacke hat 20 Jahre nach „Roger & Me“ allerdings zwei neue Probleme: zum einen, dass er als Bewohner eines Penthouse in Manhattan eigentlich längst nicht mehr die Rolle des Retters der Globalisierungsverlierer so brachial-authentisch spielen kann. Doch dieser Spagat gelingt – Moore wirkt noch hilfloser in seiner Suche nach der Wahrheit als bei seinem Standortschließungsdebüt, und er ist zu sehr eine – fast cartooneske – Figur des öffentlichen Lebens geworden, um jetzt an Authentizität einzubüßen. Die zweite Hürde ist kniffliger: Während selbst US-Talkshowgrößen wie Bill Maher, der wie zahllose Filmemacher (auch ausgesprochen viele aus Österreich) Moores Türöffner für eine völlig neue Art der in Szene gesetzten Dokumentation nutzte, Menschen noch dabei zusehen können, wie sie sich und das, woran sie glauben, selbst zerlegen („Religulous“), will niemand mehr mit Moore reden und ihm Dinge erklären. Nichts Besseres könnte ihm passieren: Millionen in der Krise sozial Abgestiegene haben genau das gleiche Gefühl – und so darf Moore dann einfach selbst mehr sagen. Ein einfacher, aber sehr gelungener Sprung zurück auf die Weltbühne.

Spannung durch Gegenwart

Dem Zeitgeist ist auch Nikita Michalkow auf der Spur – allerdings mit einer alten Geschichte. Neuverfilmungen sind so eine Sache: Meistens fragt man sich, warum ein guter Stoff denn unbedingt in einer anderen Zeit oder einem anderen Land wieder aufgewärmt werden muss, um zugänglich zu werden. Doch in wenigen, wichtigen Fällen ist das die falsche Frage. Das erst kürzlich erfolgreich gelaufene Russell-Crowe-Vehikel „Der Stand der Dinge“ versetzt etwa einmal mehr eine hervorragende (und nicht mal alte) BBC-Miniserie nach Amerika. Erstaunlicherweise gelingt dabei ein Tausch des Unterbodens: Plötzlich geht es nicht mehr um Korruption und Verrat, sondern um die sehr aktuelle amerikanische Zeitungskrise. Genau dieser Kunstgriff gelingt auch Michalkow mit „12“, einem laut Presseheft sehr losen, aber in Wahrheit nicht weniger als präzisen Remake von Sidney Lumets „Die zwölf Geschworenen“. Wo es in dem wunderbaren, schwarz-weißen Sonntagsfilmklassiker noch um Zivilcourage im amerikanischen Rechtwesen geht, fächert „12“ die russische Gegenwart auf: ein Geschworener aus jeder Gesellschaftsschicht – der vom Mob Vorverurteilte ein 18-jähriger Tschetschene, der seinen russischen Stiefvater umgebracht haben soll. Oscar-Gewinner Michalkow (mit „Die Sonne, die uns täuscht“ 1994 für den besten fremdsprachigen Film ausgezeichnet) sperrt sich, die weiteren Schauspieler und den Zuschauer für weit über zweieinhalb sehr kurzweilige Stunden in einer Turnhalle ein, ohne dass einem Henry Fonda fehlen würde. Ein würdiges Zugpferd für die ohnehin gut bestückte Russland-Reihe des Filmarchivs Austria.

Buñuel trifft Schrammel

Auf Russland folgt an gleicher Stelle Serbien – neben vielen sehenswerten Beiträgen eines aufblühenden Kinolandes auch dessen nächster Oscar-Kandidat „Der heilige Georg tötet den Drachen“, die aufwendigste Produktion des jüngeren serbischen Kinos und eine Rückkehr ins Schicksalsjahr 1914. Im Anschluss begleitet die Reihe „Kampf um die Stadt“ eine gleichnamige Ausstellung im Wien Museum, mit dem historischen Skandalfilm „Ekstase“ und dem echten Wien-Klassiker „Café Elektrik“ in Klavierbegleitung. Das Filmarchiv war vor 30 Jahren auch dafür verantwortlich, dass Letzterer – von dem nur eine unvollständige Kopie erhalten war – restauriert wurde.

Restaurierte Schmankerl gibt es auch unweit im Filmmuseum, wo viele wesentliche Werke von Emilio Fernández und Luis Buñuel in neuem Glanz im Rahmen einer Schau über das goldene Zeitalter des mexikanischen Kinos zur Aufführung kommen. Dort gibt es auch stilprägende italienische Komödien von Dino Risi aus den 60er und 70er Jahren, deren Leichtigkeit in dieser Programmdichte dem Kinogeher, der den Winter zu diesem Zeitpunkt längst vergessen haben dürfte, sicher guttut.

Stilprägend, aber unvergessen ist auch ein gewisser Ermittler Kottan, dessen Regisseur Peter Patzak 65 wird und dafür im Filmarchiv eine ausgiebige Retrospektive geschenkt bekommt, bei der auch Kottans Schöpfer, des Wiener Autors und verdienten Querdenkers Helmut Zenker, gedacht werden wird. Patzaks Filme – und ein Abend mit dem Jubilar – werden das ewige Phänomen Kottan einrahmen (und vielleicht umarmen), dessen stilsichere Anfangsjahre das etwas alberne Ende locker überlebt haben.

Haneke macht Ernst

Ein weit weniger amüsanter, aber auch sehr bekannter Österreicher ist Michael Haneke. Er ist der wohl am häufigsten dekorierte Exportregisseur – und er hat nach langer Zeit mal wieder einen deutschsprachigen Film gedreht: „Das weiße Band“ (zu sehen in der Filmgalerie). Er hat überraschenderweise ein ähnliches Problem wie Michael Moore: Man kennt ihn jetzt. Als Kinobesucher ist man ab der x-ten meisterlichen Studie über menschliche Gewalt ein wenig abgestumpft, man kennt das Unheil im Walde, die verlagerten Perspektiven, die antiseptische Humorlosigkeit und den verlässlich fehlenden Urheber des Schreckens. Aber auch Haneke hat sich etwas einfallen lassen: mehr Bergmann, weniger Binoche, und eine urdeutsche Geschichte; auch hier die Zeit kurz vor dem Großen Krieg, 1914, die Zeit, bevor die Dominosteine einer grässlichen, alles in allem 30-jährigen Kriegszeit umfallen. Das macht durchaus Sinn, das Thema greift und die messerscharf ausgelotete Ästhetik hat Wucht. Nun darf sich Haneke überlegen, wie er Farbe und Franzosen wieder in seine Filme hineinbekommt.

Der Blick ins Rampenlicht

Wenn einer all diese Dinge auf einmal konnte, das E und das U, war es Charlie Chaplin. Hätte dieser Text mit ihm begonnen, wäre kein Platz mehr gewesen für die anderen, denn das Filmmuseum gönnt sich die in 30 Jahren erste komplette Werkschau des großen Mimen, Regisseurs, Komponisten und Filmpioniers. Im Dezember werden alle seine Filme zu sehen sein – auch das großartige „Limelight/Rampenlicht“ von 1952, Chaplins letzte große Hollywood-Produktion. Auch dieser Film spielt 1914, auch er ist keine Komödie – aber sein Interesse an der Vorkriegszeit ist ein anderes. Ihm geht es um das Leben des Künstlers in widrigen Zeiten. Chaplins entschiedene Scharmützel mit J. Edgar Hoover verhinderten die Wiedereinreise des Briten nach dem Premierenaufenthalt in London. Und so blieb er ein Exilant im europäischen Heimatexil, und noch heute erinnert so vieles im Kino an den Leinwandhelden, dem man den Bart stahl: In einem Werbeteaser zu „Kapitalismus“ schaut Michael Moore mit großen Augen in die Kamera und bettelt um Geld. Für die armen Banken. Es ist nicht die Statur, es ist nur der Blick. Doch den kennt er, und den kennen wir alle.

Marco Flammang

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