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Der indische Sommer

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Der indische Sommer

Der Kinofilm zur Krimiserie „Kottan ermittelt“: „Den Tüchtigen gehört die Welt“ im „Kino wie noch nie“
© Filmarchiv Austria/Viennale

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Der indische Sommer

Wer so winkt, muss verliebt sein: Cédric Klapischs filmisches Chanson „So ist Paris“
© Filmladen

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Kinofestivals: Die Wirtschaftskrise trifft die Film-Open-Airs schwer. Viele von ihnen gehen dennoch an den Start und liefern ein Panoptikum harter Zeiten ­– zwischen Bollywood-Märchen und der Besinnung auf ursprüngliche Stärken.

Der indische Wirt am Bierstand des Wiener Augarten­kinos ist eine wahrlich zeitlose cineastische Figur – und ein Prophet der Krise. Während er über die letzten Jahre stoisch Becher für Becher füllte, in fast ausgestorbenem Wiener Dialekt über das unbeständige Wetter und die schwankenden Besucherzahlen nörgelte und sogar Guerillataktiken gegen die zehn Meter weiter platzierte Konkurrenz aufbot (eine unmissverständlich werbende Kreidetafel), wird er in diesem Jahr einer der Überlebenden sein. Dem massiv von scheußlichen Bauvorhaben bedrohten Standort Augartenspitz zum Trotz, diesmal ohne die Viennale als Partner (auch wenn der Titel das suggeriert), wird das Filmarchiv im Krisenjahr 09 sogar sieben Wochen Open-Air-Kino bieten. Zusammen mit dem pittoresk inszenierten Widerstand gegen die gespürlose Zweckentfremdung des Augartens gibt dies ein stimmiges Gesamtbild des Aufbäumens ab. Eine Krise kann ja durchaus spannend anzusehen sein.

Mehr ist nicht weniger

Das Programm geht dabei noch weiter, mehr in die Breite als im Vorjahr: Vier statt zwei Schwerpunkte halten besser. „Cinema Sessions“ trägt Stummfilmschätze aus dem Archiv ans Licht, dargebracht mit zeitgenössischer Elektronik. Zeit, das Tafelsilber aufzupolieren. Tanzfilme in Kooperation mit ImPulsTanz bringen die nötige Leichtigkeit in den Zaubergarten, „See-Sucht“ spürt der Faszination des Meeres nach – Horizont ist gefragt –, und in kaum verpackter Programmansage: Revolutionskino in „Cine Latino“.

Das früher ebenfalls im Augarten ansässige Kino unter Sternen nutzt die Gunst der Stunde derweil für eine Rückbesinnung auf seine Wurzeln. Auf dem Karlsplatz wird es österreichisches Kino geben – die Revolution beginnt unten. Der Filmclub Drosendorf gönnt sich einen anderen Akt der Entschleunigung: Die österreichischen Filmemacher Ulrich Seidl, Andrea Maria Dusl und Michael Glawogger zeigen (trotz vieler gemeinsamer Wege an getrennten Abenden) Stills von Dreharbeiten. Die Abfolge bewegter Einzelbilder ist nicht zufällig eine Rückkehr zum Ursprung des Kinos.

Identitätssuche als Chance

Eine echte Parade legt das schwule Filmfest „identities“ hin, ein Festival, das noch nie ideale Rahmenbedingungen vorgefunden hat (also krisenerprobt ist) und es dennoch zum zweitwichtigsten internationalen Filmevent Wiens geschafft hat. Das wird auch ausgerechnet in diesem Jahr gefeiert: zehn Jahre „identities“. Wem das noch nicht langt: Auch die Stonewall-Unruhen von 1969, die den Weg für das moderne Gay Rights Movement ­ebneten, feiern einen runden Geburtstag. Filmisch läuft die für langen, selbstständigen Erfolg unabdingbare Mischung aus ­großem und neuem Kino. André Téchinés fast ein wenig vergessenes Meisterwerk „Les Voleurs“, das seinerzeit all jene nicht gesehen hatten, die die chronologische Vertauschung der Erzählblöcke in „Pulp Fiction“ für bahnbrechend hielten, läuft ebenso wie Jan Krügers „Rückenwind“, der erst im April beim Linzer Filmfestival „Crossing Europe“ im Wettbewerb gut ankam – und das trotz der im Gay-Interest-Genre auch international stark verbreiteten Budgetkrücke der digitalen Produktion. Die Geschichten gewinnen wieder über den Aufwand, und das ist bei allen Härten gar keine so beklagenswerte Entwicklung.

À-la-Carte-Affären und ein Festmahl

Linz nahm überhaupt ein paar kleine Glanzpunkte vorweg, die heuer bei jenen Festivals zu sehen sein werden, die sich gegen ein reines Best-of-Schaulaufen des vergangenen Jahres entschieden haben. Beim Kino im Kesselhaus in Krems laufen gleich mehrere der bei „Crossing Europe“ aufgefallenen Werke: Maren Ades (auch in Berlin ausgezeichnete) Beziehungsstudie „Alle anderen“ und Jean Beckers Film„Tage oder Stunden“, der mit dem heiteren Lebenswerkzerhacken eines erfolgreichen Werbefachmannes beginnt und dann überraschend in die Tiefe geht. Gemeinsam ist allen frischen Festivalerfolgen, die im Sommer die Kinos erreichen, eine Identitätssuche. Auch wenn eine starke Geschichte oft von dem Wandel ihrer Hauptfigur abhängt, ist es doch eine spürbare Häufung von Coming-of-Age-Plots („Stella“), Roadmovies („Eldorado“) und kleinen, feinen Geschichten über das Gemeinsam-stark-Sein („Somers Town“), denen ein seit Ewigkeiten im Kino nicht mehr derart präsenter Humanismus innewohnt. Ein Kinojahr für das „Yes We Can“-Flüstern der Basis.

Moderne Klassiker

Doch auch die Möglichkeit der entspannten Jahresrückschau und des Wiederentdeckens hat ihren Platz im Sommerkino. Im Kesselhaus werden moderne Klassiker geschickt beigemischt, die Open Airs des Cinema Paradiso und des Filmclubs Drosendorf, der Sommer im Schloss und auch das Filmhof Festival greifen fast gänzlich darauf zurück. Der Filmhof ergänzt seinen Spielplan wie jedes Jahr zudem durch ein kinonahes Theaterstück – diesmal Neil Simons „Barfuß im Park“, einst ein frühes Paradestück für Robert Redford, auch so ein Humanist, der (nicht ohne Selbstverschulden) zuletzt ein wenig aus der Mode geraten war. Warum also nicht zurück zu der Idee des jungen, armen Suchenden, wenn der alte Weltverbesserer nur noch verquasten, statischen Pathos kann?

Befreiungsschläge sind aber auch im Alter nicht ausgeschlossen: Woody Allen hat es nach einer völlig verkorksten England­trilogie (die ja gut begonnen hatte) in Spanien vorgemacht: „­Vicky Cristina Barcelona“ ist sein erfrischendster Film seit langem. Wenn Javier Bardem und Penélope Cruz aufeinander losgehen, ist plötzlich wieder Feuer im Spiel. Ebenfalls im Filmhof läuft Gus Van Sants „Milk“, der Sean Penn einen neuen Oscar und dem Zeremonienabend seinen einzigen bewegenden Moment beschert hat (was dringend nötig war, nachdem sich die bucklige Verwandtschaft des toten Heath Ledger nur artig bedankt hatte). Penn schaffte es in einem Schwung (beiläufig und ohne die Zeit zu überziehen), demütig, dankbar, wütend, souverän und wunderbar zu sein und dann auch noch den eigentlichen Favoriten Mickey Rourke zu herzen. Einen eleganten Spagat braucht diese Zeit!

Auch Flucht ist möglich

Ein anderer vergessener Held seiner Epoche ist im Simmeringer Schlosskino zu sehen: „John Rabe“, dem in der gleichnamigen (und nicht ganz gelungenen) deutsch-chinesischen Produktion ein spätes Denkmal für die Rettung von Hunderttausenden Arbeiterfamilien im Zweiten Weltkrieg gesetzt wird: Workingman’s Survival ist gefragt. Im Wiener Arbeiterviertel hat man sich „Blockbusterkino“ ohnehin freudig und ohne Komplexe auf die Fahnen geschrieben. Soll doch „Benjamin Button“ nicht mehr sein als „Forrest Gump 2“, mit dem gleichen artifiziellen Südstaaten-Themenpark, demselben Revisionismus, der Überlänge und dem Weichspülgang für Scott Fitzgeralds vor allem garstige Kurzgeschichte: Immerhin wird endlich mit der Vergänglichkeit des Schönen gehadert – der Condition humaine!

Einnehmbare Luftschlösser

Es gibt sogar den großen gemeinsamen Nenner nahezu aller Sommerkinos: Danny Boyles „Slumdog Millionaire“, der unumstrittene Konsensfilm der Krisenzeit. Bei weitem nicht Boyles Bester, ironiefrei zwischen Bollywood und Hollywood und eigentlich weniger Indien als „Darjeeling Limited“. Das Einzige, was den dammbrechenden Erfolg dieses Films ernsthaft zu erklären vermag, ist die Sehnsucht nach einem Märchen – und wo sonst kann man die ausleben als im Kino. Der Homerun bei Kritik und Publikum ist bei der so widrigen Ausgangslage der Produktion dann nicht weniger als das zweite Märchen, das kein Ende nehmen wollte: Selbst die völlig altbacken gestrickten Beinahehits des Soundtracks bekamen Preise verliehen – es geht um ein großes Wirgefühl und die Würdigung des Trotzens.

Der Mann aus Indien im Filmarchivgarten wird am Ende des Tages dennoch nur fragen: „War der Film gut?“ Die Antwort ist dann nicht weiter von Belang, solange der Sommer – und das Kino – weitergeht.

Marco Flammang

Lesen Sie hier mehr über das Festival im Schloss Neugebäude in Simmering.


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