Einer von Wiens zahlreichen Weingärten.
© WienTourismus/Lois Lammerhuber
Weinkultur. Der Herbst, wenn die Trauben geerntet werden, bietet die Gelegenheit zu önologischen Reminiszenzen auf den vergangenen Jahrgang – bei einem guten Glas Wein, begleitet von kulinarischen Schmankerln, wächst auch die Lust auf Kultur. Eine subjektive Auswahl an Wein- und Festivalangeboten in Centrope.
Wien als Heurigenstadt? – Klar! Aber Weinbaugebiet? Es gibt wohl kaum eine zweite Großstadt, die über 700 Hektar Weinbaugebiet verfügt. Freunde guten Weins können heuer am 29. und 30. September beim Wiener Weinwandertag bei zwei Touren den Wiener Wein entdecken. Die erste Route führt von Neustift am Walde nach Nussdorf. Dazwischen liegen Sievering, das Weingut Wien Cobenzl und Grinzing. Allesamt legendäre Orte der Wiener Wein- und Heurigenkultur. Die zweite Route verläuft am anderen Donauufer von Strebersdorf bis in den bekannten Heurigenort Stammersdorf. In den zahlreichen Heurigen entlang beider Routen kann man die Seele baumeln lassen und kulinarische Köstlichkeiten genießen.
Nördlich von Wien liegt das niederösterreichische Weinviertel, das für seine Weißweine berühmt ist. Einer der Hauptorte ist das grenznahe Retz mit einem stimmungsvollen Hauptplatz mit liebevoll restaurierten Renaissance- und Barockhäusern und einem der größten unterirdischen Naturweinkeller der Welt. Der Retzer Erlebniskeller ist ein über 20 km langes und bis zu vier Geschoße tiefes Labyrinth an Weinkellern, in dem die Retzer Bürger seit der Gründung der Stadt anno 1279 ihren Wein einlagern. Der Keller kann bei Führungen besichtigt werden. Eine gute Gelegenheit dazu bietet das 58. Retzer Weinlesefest vom 28. bis 30. September. Am Sonntag, den 30. September, fließt aus dem Stadtbrunnen auf dem Hauptplatz tatsächlich Wein, der gratis verkostet werden kann. Die Weinbauern der Umgebung kredenzen auch ihre gekelterten Schätze an den drei Tagen. Dazu gibt es viel Musik und zum Abschluss auch ein Riesenfeuerwerk.
Wenige Kilometer entfernt, jenseits der tschechischen Grenze, liegt Znaim, die Schwesterstadt von Retz, die reich an Sehenswürdigkeiten wie der Burg, dem romanischen „Heidentempel“, den vielen Bürgerhäusern und prachtvollen Kirchen ist. Der Wein spielt auch hier eine entscheidende Rolle und es lohnt sich, einen der bemalten Weinkeller zu besuchen. Der „Gemalte Keller Šatov“ ist zum Beispiel täglich zugänglich, Weinverkostungen werden ebenfalls angeboten.
Klassisches
Wer nach so viel Genuss Lust auf Kultur bekommen hat, könnte zum Beispiel nach Brünn fahren, wo vom 16. bis 25. November die Stadt einen ihrer berühmtesten Söhne mit einem hochkarätigen Musikfestival würdigt: LeoŠ JanáČek. Neben „Jenůfa“, einer der bekanntesten Opern des mährischen Komponisten, wird das selten gespielte Musikdrama „Osud“ (Schicksal) aufgeführt. Es entstand 1904/05 nach Vollendung von „Jenůfa“ und zeigt Szenen eines Künstlerlebens. Protagonist ist der Komponist Živný, der seine frühere Geliebte Míla in einem Kurort wiedertrifft. Das Paar findet erneut zusammen und lebt fortan mit dem gemeinsamen Sohn. Vier Jahre später kommt es zur Katastrophe, als Mílas Mutter, die einst die Verbindung hintertrieben hatte, die Tochter im Wahnsinn mit in den Tod reißt. Als weitere JanáČek-Opern im Rahmen des Festivals werden „Die Sache Makropulos“ und „Katja Kabanowa“ zu hören sein. Weitere Progammhöhepunkte: Erich Wolfgang Korngolds „Das Wunder der Heliane“ und eine Tanzperformance von Arnold Schönbergs „Verklärte Nacht“. Spielorte sind unter anderem das Janáček-Theater, das Mahen-Theater und die Reduta, wo bereits Mozart auftrat.
Weingenuss und Jazz
Jazz hat in den östlichen Nachbarstaaten eine lange Tradition. Budapest bot mit dem MOL-Festival in früheren Jahren ein Programm, das in der ganzen Centrope-Region mit großer Aufmerksamkeit verfolgt wurde. Seit einigen Jahren firmiert das Festival unter dem Titel „JazzForum Budapest“, das heuer vom 7. bis 10. September stattfinden wird. Veranstaltungsorte sind neben dem Palast der Künste und dem Trafo House of Contemporary Art mehrere Lokale im 9. Budapester Bezirk mit dem Kristallisationspunkt Ráday utca, die aufgrund der Lokalszene auch „Budapester Soho“ genannt wird. Das Programm mit 23 Konzerten wird heuer einen speziellen Fokus auf die polnische Jazzszene legen, wobei das gesamte Spektrum von Mainstream bis zu experimentellem Jazz reicht. Einige westeuropäische Jazzgrößen haben ebenfalls ihr Kommen angekündigt, ein detailliertes Programm wollten die Veranstalter bei Redaktionsschluss noch nicht bekannt geben, zwei spannende Projekte des BMC-Labels sind aber schon bekannt: ein Reggae-Jazzprojekt, das als Hommage an Bob Marley mit Musikern aus vier verschiedenen Ländern realisiert wird, und ein Duokonzert der französischen Kontrabassistin Joëlle Léandre mit dem Saxophonisten Ákos Szelevényi, das dem 2011 verstorbenen Pianisten und Komponisten György Szabados gewidmet ist.
Kulinarisch geht es dann vom 12. bis 16. September beim Budapester Wein- und Champagner-Festival zu, das im Burgdistrikt von Buda stattfindet. 220 Weinbauern aus 15 Ländern präsentieren mehr als 5.000 Weine, die alle verkostet werden können. Die ungarische Spitzengastronomie bietet dazu die kulinarische Begleitung. Dazu gibt es ein breit gefächertes Musikprogramm mit einer Mischung aus regionaler Volksmusik, Jazz und World-Music.
In nur 70 Minuten ist man vom Wiener Stadtzentrum mit dem Twin City Liner im Herzen von Bratislava, das mit den Bratislava Jazz Days vom 26. bis 28. Oktober seit vielen Jahren ein dreitägiges Festival mit Jazzstars aus aller Welt bietet. Der slowakische Jazzer Peter Lipa, der als Sänger ein Grenzgänger zwischen Jazz, Funk und Rock ist, initiierte das Festival bereits 1975 und hat es bisher jedes Jahr geschafft, Superstars wie Chick Corea, Herbie Hancock, John McLaughlin, Bobbie McFerrin, Al Di Meola, Jean Luc Ponty, Kurt Elling, Jack DeJohnette, Marcus Miller, David Sanborn oder Matt Bianco an die Donau zu bringen. Man darf schon gespannt sein, wer die Topstars des heurigen Herbstes sein werden. www.mycentrope.com wird das Programm auf seiner Website präsentieren, sobald es im Detail vorliegt.
Alfred Stalzer









