Tradition. Ein Freilichtmuseum ist kein „normales“ Museum. Besucherströme bestätigen, was Museumsfachleute schon immer wussten: Freilichtmuseen nehmen in der Gunst ihrer Besucherinnen und Besucher eine ganz spezielle Rolle ein.
Es liegt wohl am Reiz alter Dörfer, an den nostalgisch anmutenden Wohnidyllen und der ganz eigenen Lebendigkeit der Orte, warum Freilichtmuseen in der öffentlichen Wahrnehmung eher in die Kategorie Freizeitvergnügen fallen – im Unterschied zu ihren ernsteren Museumsbrüdern und -schwestern. Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden die ersten Pläne, erhaltenswerte Gebäude ländlicher Architektur in „Freilichtmuseen“ zu übertragen. Vor rund 120 Jahren eröffnete in Schweden bei Stockholm das erste Freilichtmuseum, „Skansen“ – das dann Vorbild für alle folgenden Freilichtmuseen sein sollte. In fast jeder Gründungsgeschichte eines europäischen Freilichtmuseums findet sich der Hinweis auf die Bildungsreise nach Stockholm. Schon bald entwickelte sich in diesen neuen Museen eine besondere Art der Besucherbetreuung. Es sollte das traditionelle Leben auf den Höfen, das Wirtschaften, das Handwerk, das Leben in Haus und Hof möglichst authentisch gezeigt werden. Akteure in historischer Kleidung begannen, die Häuser zu bevölkern und handwerkliche Fertigkeiten zu demonstrieren. Durch die vielfältigen Angebote gelingt es Freilichtmuseen wie kaum irgendwelchen anderen musealen Einrichtungen, die unterschiedlichsten Interessen anzusprechen und damit zu ganz besonders lebendigen Orten zu werden.
Tradition und Lebensart
Eine neue Ära beginnt in diesem Jahr in Niederösterreichs größtem Freilichtmuseum, dem Museumsdorf Niedersulz im östlichen Weinviertel. Mit neuer Infrastruktur und einem spektakulären Museumsportal wird dem aus rund 80 Gebäuden bestehenden Dorf ein „neuer Rahmen“ gegeben, der im wahrsten Sinne des Wortes einen Blick vom Heute in die Vergangenheit ermöglicht und das Augenmerk der Besucherinnen und Besucher auf das Wesentliche lenkt: auf das Museumsdorf selbst. Formensprache, Materialwahl und Blickbeziehungen sollen – so die Architekten der Gruppe ah3 – eine Verbindung zum Museumsdorf herstellen und dessen einzigartige Atmosphäre schon beim Eingang erlebbar machen. Den besonderen Charme des Museums macht das Zusammenspiel zwischen der dem Weinviertel so eigenen ländlichen Architektur, der dichten dorfähnlichen Bebauung und der üppigen Gestaltung des Grünraums aus. Die Bauerngärten sind in ihrer bunten Vielfalt kaum zu übertreffen, zu bestaunen ist eine Fülle alter Obstbäume und beim historischen Dorfwirtshaus lädt ein lauschiger Schanigarten zum Verweilen ein. Zug um Zug werden die Häuser wissenschaftlich aufgearbeitet, um einen möglichst authentischen Einblick in die Lebenswelten des Weinviertels geben zu können. Als erstes fertiggestellt ist das sogenannte Bürgermeisterhaus, in dem fiktive Bewohnerinnen und Bewohner von ihrem Leben im Hof erzählen. Im Reigen der Freilichtmuseen konnte sich das Museumsdorf Niedersulz als besonders innovativ positionieren. Kurzweilige Themenführungen vermitteln Eindrucke vom Leben im Dorf „anno dazumal“, Handwerker zeigen ihre Fertigkeiten und an besonderen Thementagen können sich Gäste selbst erproben beim „Drischl dresch’n“, „Woaz ausles’n“ und „Federn schleiß’n“. Eine Besonderheit des Museumsdorfs sind seine Sakralbauten, eine katholische und eine lutherische Kapelle, und ein Täufermuseum, das die Geschichte der Täufer im Weinviertel dokumentiert und internationales Publikum – oft Nachfahren der einst zur Auswanderung gezwungenen Täufer – anspricht.
Wie im niederösterreichischen Niedersulz ist es auch im Burgenland privaten Initiativen zu verdanken, dass sowohl im Seewinkel in Mönchhof als auch im Südburgenland in Gerersdorf und in Bad Tatzmannsdorf einzigartige Freilichtmuseen entstanden sind. Das Freilichtmuseum Ensemble Gerersdorf etwa beherbergt mehr als 30 Gebäude des 18. und 19. Jahrhunderts. Es dokumentiert die Baukultur des pannonischen Raums mit den so typischen Strohdächern im südlichen Burgenland und im angrenzenden Westungarn. Die offenen Grenzen ergaben anregende Kooperationen mit den benachbarten Freilichtmuseen Göcsej in Ungarn und Rogatec in Slowenien. Ein reger Austausch mit zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstlern zeichnet das ambitionierte jährliche Veranstaltungsprogramm aus.
Szentendre und Hollókő
Das überwältigendste Freilichtmuseum im Raum Centrope ist das Ungarische Freilichtmuseum Szentendre im Donauknie vor Budapest. Rund 250 translozierte Gebäude aus dem gesamten ungarischen Raum geben Einblick in Bau- und Wohnkultur, in Wirtschafts- und Lebensweise von der Mitte des 18. bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts. Im Endausbau des Museums sollen 400 Gebäude übertragen sein. Ein groß angelegtes Forschungsprojekt arbeitet aktuell an der Dokumentation dörflichen Lebens im 20. Jahrhundert und man darf mit Spannung auf die Ergebnisse warten. Das Material der Forschungen wird laufend in sehr professionellen Sonderausstellungen mit zeithistorischen Schwerpunkten präsentiert. Der hohe Bildungsanspruch des Museums macht sich nicht nur im ambitionierten Vermittlungsprogramm für Schulen bemerkbar, sondern wird auch durch die Ethnografische Studiensammlung verdeutlicht, wo rund 3.000 Objekte der Sammlungen – Möbel, Keramik, Haushaltsgeräte, Gusseisenöfen und Sparherde – für Interessierte zugänglich sind. Das Freilichtmuseum Szentendre ist Teil des Duna-Ipoly- Nationalparks und bietet auf seinem rund 60 Hektar umfassenden Gelände weitläufige Wiesen und Wanderwege. Die Distanzen zwischen den bebauten Flächen können seit einigen Jahren mit der „Skanzen-Eisenbahn“, einem historischen Dieseltriebwagen, dessen Anlage als Industriedenkmal ins Freilichtmuseum übertragen wurde, überwunden werden.
Einen gänzlichen Kontrast zu Szentendre bietet das am Originalstandort museal erhaltene Dorf Hollókő – übersetzt „Rabenstein“ – in Nordungarn. Seit gut einem Vierteljahrhundert zählt es als Beispiel ländlicher Architektur des 17. und 18. Jahrhunderts zum UNESCO-Weltkulturerbe.
Slowakische, mährische und böhmische Dörfer
Vom „Wolf“ leitet sich der Name des in den Westkarpaten gelegenen Dorfes VlkolÍnec ab. Seine etwa 40 außergewöhnlichen und noch immer bewohnten Holzbauten, großteils aus dem 18. Jahrhundert, wurden schon in den 1970er-Jahren unter Schutz gestellt und vor rund 20 Jahren als Weltkulturerbe ausgezeichnet. Traditionelle ländliche Architektur zu schützen und zu erhalten war und ist in der Slowakei – ebenso wie in Tschechien – ein großes Anliegen. Bemerkbar wird dies in der hohen Anzahl der in beiden Ländern vorhandenen Freilichtmuseen. Größtes Freilichtmuseum der Slowakei ist das im Nordwesten, in Martin, gelegene Museum des slowakischen Dorfes mit rund 140 Gebäuden. Das Landwirtschaftliche Freilichtmuseum Nitra wiederum zeigt das dörfliche Leben im Süden der Slowakei. Außergewöhnlich ist hier eine Schmalspur-Dampf-Feldeisenbahn, die von Großgrundbesitzern Ende des 19. Jahrhunderts für den Transport von Zuckerrüben und anderen Feldfrüchten verwendet wurde.
In Tschechien kann die traditionelle Holzarchitektur im Walachischen Freilichtmuseum in Rožnov anhand von rund 40 Objekten bestaunt werden, während die Gebäude des Südostmährischen Freilichtmuseums Strážnice große Ähnlichkeit mit unseren Weinviertler Bauten aufweisen. Besuchenswert sind die Freilichtmuseen unserer Nachbarn nicht nur aufgrund ihrer äußerst professionell übertragenen Bauten und fachlich präzisen Dokumentationen, sondern ganz besonders wegen der reichen handwerklichen Traditionen, die laufend vorgeführt und deren Produkte vor Ort angeboten werden. Erlebenswert sind zudem die fröhlich-bunten folkloristischen Feste mit Musik, Tanz und regionalen Spezialitäten.
Von Ulrike Vitovec









