Reste zahlreicher militärischer Bauten der römischen Zeit säumen den Donaustrom. Die römische Antike ist um und unter uns.
W er heute in der Centrope-Region lebt, lebt mitten in Europa. In römischer Zeit (1.–5. Jh. n. Chr.) stellte dieses Gebiet mit den römischen Provinzen Noricum und Pannonien einen Teil der gut überwachten Nordgrenze des Imperium Romanum dar, die entlang der Donau verlief. Sie war zugleich ein bedeutender Verkehrsweg. Die nördlich davon liegenden Gegenden, wo germanische Stämme lebten, waren feindliches Gebiet. 167 n. Chr. drangen Markomannen und Quaden bis nach Oberitalien vor und verwüsteten große Teile der Provinzen. Kaiser Marc Aurel selbst leitete die militärischen Gegenoperationen, bis er am 17. März 180 in einem Militärlager bei Wien starb.
Mit der von Carnuntum aus erfolgten Ausrufung des Septimius Severus zum römischen Kaiser kehrte etwas Ruhe ein. Doch die friedliche Periode sollte nur kurz währen. Immer wieder kam es zu Grenzkonflikten. Die norisch-pannonische Grenze wurde im späten 4. Jh. zwar nochmals befestigt, der Untergang der römischen Städte in donaunahen Gebieten war aber nicht aufzuhalten. Was Germanen nicht zerstörten, machten später die Hunnen dem Erdboden gleich. 488 verließen die letzten Römer den Donauraum.
Legionslager, Städte, Gräber und Straßen
Die Lage an der Außengrenze des Römischen Reiches beeinflusste wesentlich den Charakter der Landschaft. Befestigungen allerorts: Einige große Standlager, etliche kleinere Hilfstruppenkastelle, viele Wachttürme, Heeresbewegungen und Patrouillen – insbesondere in kriegerischen Zeiten – prägten viele Jahrzehnte den Alltag an der Grenze. Das land- und forstwirtschaftlich genutzte Hinterland war vergleichsweise dünn besiedelt. Die Legionslager stellten einen bedeutenden Wirtschaftsfaktor dar und waren auch Verwaltungszentren. An allen Orten zeigt sich ein ähnliches Bild: Waren die frühesten Bauphasen noch aus Holz, so wurden diese im Laufe der Zeit nach und nach in Stein umgesetzt.
Die ummauerten Stützpunkte umgab eine Lagervorstadt (canabae), in denen auch die Familien der Soldaten wohnten, ebenso aber Händler, Handwerker, Gastwirte und Prostituierte ihrem Gewerbe nachgingen. Denn das Militär musste mit Lebensmitteln und Gebrauchsgegenständen versorgt werden und wollte sich ab und an in Tavernen und Bordellen vergnügen. Im weiteren Umkreis entwickelten sich Zivilstädte (municipia), die nicht unter direktem Einfluss des Militärs standen und über ein Forum als politisches, religiöses und wirtschaftliches Zentrum verfügten, vornehme Gutshöfe (villae rusticae) und ländliche Siedlungen (vici) meist einheimischer Bevölkerung. An den Ausfallstraßen solcher Ansiedlungen entstanden Gräberstraßen oder -felder.
Aufschwung
Militärische und wirtschaftliche Gründe erforderten zahlreiche Bauvorhaben und den Ausbau des Straßennetzes, verstärkte Steinbruchtätigkeit und ein Aufschwung der Holzwirtschaft und Ziegelindustrie waren die Folge. Die Limesstraße, die die an der Donau liegenden Militärstützpunkte verband, zählte zu den wichtigsten Verkehrsverbindungen. Daneben gab es mehrere Fernstraßen, an denen in regelmäßigen Abständen Raststationen (mansiones) lagen. Den wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung, den die Provinz erlebte, verdankte sie auch der Lage an der Bernsteinstraße, die von Aquileia kommend über Savaria (Szombathely) und Scarbantia (Sopron) nach Carnuntum – seit 106 n. Chr. Hauptstadt der Provinz Pannonia Superior – und über die Donau weiter nach Norden an die Ostsee führte.
Durch wechselnde Truppen und Zuzug aus allen Teilen des Reiches, worüber wir aus vielen Inschriften informiert sind, war die Bevölkerung in diesem Gebiet – nicht anders als heute – eine bunt gemischte. So übernahm die örtliche, ursprünglich keltische und illyrische Bevölkerung römische Kulturtechniken und Werte sowie fremde Religionsvorstellungen und Bräuche. Zahllose Funde belegen überdies den regen Austausch des Römischen Reiches mit den Germanen.
Sichtbares antikes Erbe
Spuren der Antike haben sich an vielen Orten erhalten. Über und unter der Erde öffnen sich immer wieder Fenster in die Vergangenheit, die uns Erkenntnisse über antike Lebensumstände bieten. Besonders in den letzten beiden Jahrzehnten wurden große Anstrengungen unternommen, das antike Erbe stärker im Bewusstsein der Öffentlichkeit zu verankern. Es lohnt sich, diesen Spuren zu folgen und vielfache Überraschungen zu erleben.
Viele der schon in der römischen Antike besiedelten Orte bildeten Keimzellen für spätere Niederlassungen, deren Kontinuität oft auch durch das Mittelalter nicht unterbrochen war. Zum Teil wurden Lagermauern, Tore und Hauptstraßen weiter genutzt, sodass sich heute noch römische Strukturen in Orts- und Stadtbildern abzeichnen (z. B. Mautern, Traismauer, Tulln).
Weggespült
Die Verbindung von militärischen und zivilen Siedlungen ist etwa in Wien und an anderen, kleineren Kastellorten evident. Zuweilen zeichnet die Hinterlassenschaften ein hervorragender Erhaltungszustand aus. Der spätantike Wachtturm von Bacharnsdorf in der Wachau z. B. ist bis zum dritten Stockwerk, antike Kastellmauern in Zeiselmauer sind meterhoch erhalten. Gleichzeitig sind heute viele der unmittelbar an der Donau errichteten Befestigungen, Hafenanlagen und Brückenköpfe zumindest in ihren nördlichen Teilen nicht mehr erhalten, da sie im Laufe der Zeit durch Überschwemmungen weggespült wurden.
Einige Museen am Limes, oft auch sehr kleine, die aber durch persönliches Engagement und ansprechende Vermittlung überzeugen, gehen von starken lokalen Bezügen aus und laden zu Rundgängen durch die Orte ein. Nicht selten wird einem dabei die historische Abfolge von Bauten unmittelbar bewusst.
Pompeji vor den Toren Wiens
Am bekanntesten ist sicherlich der Archäologische Park Carnuntum. Hier, im „Pompeji vor den Toren Wiens“, werden den Besuchern bei spektakulären Gladiatorenkämpfen im Amphitheater, im wiederaufgebauten Haus eines Tuchhändlers oder in einem Stadtpalais Einblicke in das Leben römischer Bürger geboten. Im nahen Museum Carnuntinum ist eine Fülle kostbarer Funde ausgestellt. Freilich: Vieles fiel auch dem Zahn der Zeit zum Opfer – so wurde ein bedeutender Tempelbezirk des Jupiter Optimus Maximus Karnuntinus auf dem Pfaffenberg Ende des 20. Jahrhunderts durch einen Steinbruch zerstört.
Abseits des Limes lässt uns etwa im Süden von Wien ein römisches Bauerndorf an den fruchtbaren Lösshängen des südlichen Laaer Berges in einfache ländliche Verhältnisse blicken. Die Palastvilla von Bruckneudorf ist Zeuge dafür, dass im Hinterland von Carnuntum mitunter mit außergewöhnlich reich ausgestatteten Gutshöfen zu rechnen ist, in denen Mosaikböden verlegt waren. Besonders im Wiener Becken, im Gebiet um den Neusiedler See und in der ungarischen Tiefebene finden sich viele Überreste römerzeitlicher Siedlungen und römischer Villen.
Funde im Barbaricum
Funde im Barbaricum, also im Gebiet nördlich der Donau, sind keineswegs weniger beeindruckend. Mehrere vermutlich während der Markomannenkriege angelegte Marschlager sind durch Luftbildarchäologie erschlossen worden. Auf dem bereits seit dem Jungpaläolithikum genutzten Siedlungsplatz von Stillfried an der March trat ebenfalls römisches Fundmaterial zutage. Wie wir uns germanische Niederlassungen und das Alltagsleben jenseits der Donau vorzustellen haben, ist aus Funden von Gebäuden, Hütten, Abfallgruben und Tierställen erschlossen worden. Ein in den letzten Jahren eingerichtetes Freilichtmuseum in Elsarn im Straßertal informiert darüber ebenso anschaulich wie eine prämierte Ausstellung in Mikulov oder Funde in der Westslowakei.
Wer sich auf seine Spurensuche besonders akribisch vorbereiten will, findet unter www.limes-oesterreich.at, www.limes-slovensko.sk bzw. www.ripapannonica.hu ausreichend Informationen.
Von Hubert Szemethy








