Melange. Europäische Kaffeehäuser sind einzigartig bequeme multikulturelle Orte der Begegnung – die geschichtsträchtigen ebenso wie die modernen. Daran können auch die großen US-Ketten nichts ändern, die mit ihrer „coffee to go“-Hochgeschwindigkeitsphilosophie bei jungen Menschen punkten möchten.
Besucht man Budapest oder Wien, Prag oder Paris, dann geht man gerne in die berühmten Cafés. Der Mythos der Künstler, Politiker, Philosophen und Originale, die dort gesessen, gearbeitet, schwadroniert haben, ist manchmal auch heute noch in den Details zu spüren, und man kann in diesem historisch wertvollen Ambiente sehr inspiriert die Zeit totschlagen.
Wien sieht sich gerne als Mittelpunkt der europäischen Kaffeehauskultur. Und das kam so: Nach der Befreiung von den Türken (1683) fand man in einem verlassenen Zelt der Belagerer einige Säcke mit unbekannten braunen Bohnen. Die Wiener hielten das Zeug zunächst für Kamelfutter und kümmerten sich nicht darum. Einzig der Dolmetscher Georg Franz Kolschitzky wusste es besser. Er riss sich die Säcke unter den Nagel und gründete das erste europäische Kaffeehaus in Wien.
Wie aus Kamelfutter ein Kult entstand
Die Anekdote klingt zwar gut, ist aber nicht wahr. Das erste Kaffeehaus auf europäischem Boden wurde 1554 in Konstantinopel eröffnet, 1645 gab es das erste Café in Venedig, und laut Wikipedia wurde das erste Kaffeehaus in Wien erst 1685 eröffnet – und zwar von einem Griechen namens Johannes Theodat.
Wie auch immer: Das neue Getränk fand auch in Europa viele Freunde, und die Zahl der Kaffeehäuser stieg rasch an. In mehreren neu eingerichteten Kaffeehäusern wurde dem „Türkentrank“ meistens Honig und Milch beigefügt. Anfangs hatten die unterschiedlichen Zubereitungsvarianten noch keine typischen Namen. Statt eine Melange oder einen Mokka zu notieren, gab der Kellner dem Gast eine Farbpalette, auf der die Stärke des Kaffees in Farbabstufungen von dunkel bis hell symbolisiert war, und man wählte auf diese Weise sein bevorzugtes Koffeindoping.
Seit seiner Entdeckung im äthiopischen Hochland und seiner Verbreitung über den Kaffeegürtel zwischen den Wendekreisen des Krebses und des Steinbocks hat Kaffee die Volkswirtschaften vieler Länder bestimmt. Kaffee galt als Getränk von heißblütigen Revolutionären, ließ heftig miteinander streiten, brachte Millionen von Menschen Arbeit und Brot.
Dogmatiker wie Talleyrand forderten: „Schwarz wie der Teufel, heiß wie die Hölle, rein wie ein Engel, süß wie die Liebe“ hätte der Kaffee zu sein, und sogar Papst Leo XIII. geriet ins Schwärmen: „Endlich hat uns der Trank von den Ufern des Orients erreicht. Kostet dieses Getränk mit großem Genuss, und euer Mahl wird eine wahre Freude sein bis zum Schluss.“
Ein Platz zum Wärmen
In Venedig entstand 1720 das erste europäische Künstlercafé, das „Caffè Florian“. Da damals in den wenigsten Wohnungen geheizt werden konnte, ging man ins Kaffeehaus, um sich aufzuwärmen. Im „Florian“ wurde nicht nur Kaffee getrunken, es war auch ein Ort des Glücksspiels, Maler verkauften hier ihre Bilder, und Prostituierte hielten Ausschau nach Freiern. Während Rousseau Gesandter in Venedig war, besuchte er gerne das „Florian“, weil er in privaten Häusern nicht empfangen wurde. Schopenhauer entdeckte hier Lord Byron am Nebentisch, traute sich aber nie, ihn anzusprechen, und der liebeskranke französische Dichter Alfred de Musset ertränkte sein Unglück über die gefühlskalte George Sand in Kaffee mit Hochprozentigem.
In diesen Häusern der Begegnung herrschte beim Kaffeeschlürfen eine der intellektuellen Produktion zuträgliche Atmosphäre, wie Balzac einmal anmerkte: „Die Gedanken setzen sich in Marsch wie die Bataillone der Großen Armee, und die Schlacht entbrennt. Die Erinnerungen kommen im Sturmschritt an, mit flatternden Fahnen. Die leichte Kavallerie der Vergleiche entwickelt sich in einem prächtigen Galopp. Die Figuren nehmen Gestalt an, das Papier bedeckt sich mit Tinte.“
Doch eines stimmt schon: In Wien wurde das Kaffeehaus nach und nach zu einem weltweit einzigartigen Ort multikultureller Vermischung. „Es stellt eine Institution besonderer Art dar“, notierte Stefan Zweig, „die mit keiner ähnlichen der Welt zu vergleichen ist. Es ist eigentlich eine Art demokratischer, jedem für eine billige Schale Kaffee zugänglicher Klub, wo jeder Gast für diesen kleinen Obolus stundenlang sitzen, diskutieren, schreiben, Karten spielen, seine Post empfangen und vor allem eine unbegrenzte Zahl von Zeitungen und Zeitschriften konsumieren kann. Täglich saßen wir stundenlang, und nichts entging uns.“
Genuss und Inspiration
In ganz Europa wärmte man Körper und Geist in den Cafés. Was den Pragern das „Slavia“, war den Wienern das „Herrenhof“. Pablo Picasso traf man im „Café du Dôme“, die Existentialisten waren im „Café Les Deux Magots“ beheimatet, die deutschen Emigranten während der Nazizeit im Zürcher „Odeon“. Nicht zu Hause zu sein und doch nicht an der frischen Luft – das lockte die Avantgarde in die Cafés.
In den letzten Jahren drängen vermehrt US-amerikanische Ketten auf den europäischen Markt, die mit Fast-Food-Philosophie zumeist aromatisierte Kaffees in Papp- oder Plastikbechern an eine jugendliche Klientel ausschenken.
„Die Leute sollen konsumieren und schnell wieder gehen“, beurteilt der Marktforscher Bernhard Heinzlmaier im „Standard“-Interview die Philosophie der neuen Kaffeehäuser der „Tempokultur“. Heinzlmaier kritisiert dabei die Vermischung der typischen gemütlichen österreichischen Wiener Kaffeehauskultur mit der amerikanischen Mentalität, mit dem Plastikbecher durchs Leben zu eilen. Dadurch werde die Alt-Wiener Kaffeehauskultur in Nischen gedrängt. Die neuen Kaffeehäuser seien Pausenstationen, wo man wieder Energie auftankt, um mit neuem Schwung in die Umlaufbahn der Hochgeschwindigkeitsgesellschaft geschossen zu werden.
Aus Plastikbechern saufen
„Ein hektisches Selbstbedienungsrestaurant, wo jeder seinen Kaffee aus einem Plastikbecher säuft, womit er schon das Schnabelhäferltrinken auf einer Pflegestation in einem Pensionistenheim trainieren kann, ist anders kodiert, als wenn ich mich in ein Kaffeehaus setze und auf einem Silbertablett in einer netten Tasse meinen Kaffee mit einem Glas Wasser serviert bekomme“, so Heinzlmaier.
„Abseits der Unkultur des ‚coffee to go‘ mit seinen eigentümlichen Kaffeekreationen blühen aber in Europa die Cafés“, sagt die Autorin Barbara Sternthal, die gemeinsam mit dem Fotografen Harald Eisenberger im Christian Brandstätter Verlag einen Bildband über die schönsten Kaffeehäuser Europas herausgebracht hat (siehe rechts). „Das gilt für die geschichtsträchtigen ebenso wie für die zeitgenössischen.“
von Georg Biron








