Boom. Im Centrope-Bereich gibt es einen ständig interessanter werdenden Musicalmarkt, man baut auf Eigenproduktionen ebenso wie auf Broadway-Erfolge.
Wien ist halt doch anders. Während es hier zwei En-suite-Häuser für Musical gibt, in denen die gleiche Produktion für Monate angesetzt wird, spielt man im übrigen Centrope Musical ausschließlich in Mehrsparten- und Repertoiretheatern. An einem Tag „Hello Dolly“, am nächsten Thomas Bernhard, Goldoni oder Feydeau, dann „Frühlings Erwachen“ oder „Mozart!“. Das ist ein ganz normaler Spielplan des Městské divadlo Brno, auf dem mal Musical, dann wieder Sprechtheater steht.
Dafür ist das Angebot umso vielfältiger – und keineswegs auf minderem Niveau, wie Wolfgang Hülbig, internationaler Beauftragter der Vereinigten Bühnen Wien, beurteilt:
„Vor zehn Jahren wurde in Wien noch gelächelt, als wir Kontakt mit Ungarn aufgenommen haben, um ‚Elisabeth‘ dort zu spielen, aber mittlerweile ist Musical in den Centrope-Staaten zunehmend ein Thema. Auch wenn keine so bedeutende Szene besteht wie in Österreich, Deutschland und Holland, so hängen die Häuser dort nicht 15 Jahre hinterher, sondern sie haben viel gelernt und bringen auch sehr aufwendige Produktionen.“
Wie etwa das Musical „Egri csillagok“ (Sterne von Eger), das vom Publikum nicht nur wegen seines patriotischen Themas gefeiert wurde. 1997 in Budapest uraufgeführt, kam es Ende 2009 nach Győr ans Nemzeti Színház. Basierend auf dem gleichnamigen Roman von Géza Gárdonyi, den Ungarn schon in der Schule lesen, erzählt das Musical die Geschichte der Bürger von Eger, die sich im 16. Jahrhundert trotz personeller Unterlegenheit erfolgreich gegen die türkischen Besatzer wehrten. Die Handlung läuft vor einer riesigen Ungarn-Karte auf der Bühne ab, bewegliche Burgen gehören zur Ausstattung.
Ein zweites Musical am Nemzeti Színház Győr bringt ebenfalls eine ungarische Geschichte: „Made in Hungária“ erzählt das Schicksal eines jungen Musikers, der von einer USA-Reise den Rock ’n’ Roll mitbringt und in seiner Heimat eine erfolgreiche Band gründet.
In Bratislava besteht als Hauptbühne für Musical das Nová Scéna-Theater, das fast täglich verschiedene Musicals bringt, einige davon sind slowakische Eigenproduktionen wie „Šialené Nožničky“ („Verrückte Schere“) über einen Mord im Friseursalon und Gabo Dušíks und Martin Kakos „Franz von Assisi“, welches auch schon auf ein Festival in Brno verborgt wurde. Für „Edith und Marley“ wurde das Leben von Édith Piaf und Marlene Dietrich in ein Kammermusical verpackt.
In Bratislava bieten zudem das Heineken Tower Theater und das Wüstenrot-Theater Gedur Musicals neben Konzerten, Tanzveranstaltungen und Theater. In Ersterem gibt man seit Oktober 2009 „Cajocky“, ein buntes Musical über Collegeleben und Erwachsenwerden, bei Gedur ein Flamencomusical nach „Don Quijote“, eine Fortsetzung von „Nonnsense“ und andere. Im Sibamac-Theater machen Tourneeproduktionen Halt.
Klassiker und Neues aus den Musicalmetropolen
Darüber hinaus konzentriert man sich im Centrope-Bereich vor allem auf bewährte Klassiker. Von „Hello Dolly“ über „Les Misérables“ und „Evita“ bis zu „Jesus Christ Superstar“ bietet das Městské divadlo Brno zahlreiche Broadway-Hits – auch jüngere wie „Frühlings Erwachen“ von Duncan Sheik, einer der großen New Yorker Erfolge der vergangenen Saisonen. Im Nová Scéna bringt man gar demnächst „Boyband“ vom Londoner West End zur Aufführung, außerdem sind „West Side Story“ und „Anatevka“ im Repertoire. In Győr hat im Mai „Cabaret“ Premiere. Es finden sich auch Wiener Produktionen auf den Spielplänen, in Brno kann man etwa „Mozart!“ sehen.
Aus der Tatsache heraus, dass in den Centrope-Staaten für Musical bei weitem nicht das Budget zur Verfügung steht, über das man bei einer Produktion der VBW oder der Stage Entertainment Deutschland verfügen kann, wird aus der Not oft eine Tugend, wie Wolfgang Hülbig anerkennend sagt: „Es gibt hier sehr kreative Leute, die trotzdem oder gerade deswegen tolle Ideen bringen.“ Zudem sei das Humankapital in den osteuropäischen Ländern „sehr gut. Vor allem im Tanz, aber auch im Musical ist die Ausbildung hervorragend.“
Austauschen von Produktionen
Mehr und mehr ist heute zu beobachten, dass erfolgreiche Produktionen aus den Centrope-, aber überhaupt den CEE-Staaten nach Österreich, Deutschland und Holland angeboten werden. „Und es hat durchaus schon die eine oder andere Sache gegeben, an der ich Interesse gehabt hätte – aber wir haben ja kein zusätzliches Theater dafür“, so Hülbig. Eine Achse Prag – Brno – Budapest – Bukarest mit erfolgreichen Musicalmachern, die Produktionen austauschen, sei im Entstehen – und „wir wollen da auch mitmachen“. Hülbig sieht den Centrope- und CEE-Markt als „einen, der durchaus Zukunft hat, auch wenn man wohl vorwiegend bei Repertoiretheatern und Tourneen bleiben wird“.
Zauberhaftes und Kämpferisches
Keine eigene Bühne für das Musical hat im Centrope-Bereich einzig das Burgenland. Hier wird wohl oft nach Wien gependelt, um sich von Vampiren beißen oder vom Udo-Jürgens-Dampfschiff begeistern zu lassen. Kleinere Produktionen für Kinder machen in den Kulturzentren Halt oder werden dort für wenige (Schul-)Vorstellungen geboten. So sind in diesen Monaten „Pocahontas“ von Clemens Handler und Gernot Kogler sowie „Zwerg Nase“ von Wilhelm Hauff zu sehen. Kindermusical-Einzelvorstellungen bringen auch das Stadttheater Wiener Neustadt und der Plenkersaal Waidhofen an der Ybbs mit „Peterchens Mondfahrt“, die Arena Nova Wiener Neustadt mit „Prinzessin Lillifee“ sowie das Museumsquartier Wien mit „Mein Freund Wickie“ und die Stadthalle Wien mit „Robin Hood“.
Zauberhaftes für Erwachsene bietet in Wien „Das Orangenmädchen“, das im Off Theater gezeigt wird. Initiator Michael Konicek versucht hiermit, Off-Musical, das in London und New York gängig ist, auch nach Österreich zu bringen. Wenig Aufwand, wenig Action, aber die Konzentration auf das Wesentliche – eine berührende Story, eingängige Songs und gute Darsteller – werden bei der auf Jostein Gaarders gleichnamigem Buch basierenden Aufführung versprochen.
In Wien gibt es neben den großen Musicals „Ich war noch niemals in New York“ (siehe Artikel) und „Tanz der Vampire“, das den VBW wieder ein volles Ronacher beschert, Tourneeproduktionen, die für wenige Tage im Museumsquartier oder in der Stadthalle Halt machen. An der Volksoper hat man im Frühjahr "My Fair Lady"-Vorstellungen angesetzt. Und Metropol-Direktor Peter Hofbauer bringt Anfang April sein jährliches Eigenproduktionsmusical heraus, diesmal schickt er in „Go West“ zwei Psychiatriepatienten, die sich für Billy the Kid und Sitting Bull halten, in eine Wildwestshow.
Jenes Repertoirehaus, das in Niederösterreich Musical anbietet, die Bühne Baden, zeigt im Frühjahr Leonard Bernsteins Klassiker „West Side Story“ in der bewährten Regie von Robert Herzl.
Theresa Steininger









