Prophet Böll
schuster, 2010-06-29 07:10
Fußball war früher auch besser. Nachvollziehbarer. Heutzutage muss man ein gehöriges Maß an Abstraktionsvermögen mitbringen, um sich einreden zu können, dass eine Partie tatsächlich spannend ist.
So wie gestern bei Chile gegen Brasilien. Vielleicht ist es ja ein Klischee, dass Südamerikaner Ballkünstler sein müssen, aber früher waren sie doch wirklich Ballkünstler.
Heute spielen sie rational. Wie alle anderen auch. Taktik, nicht Stil. Man lässt die Angriffe des Gegners ins Leere laufen, und der Gegner macht das auch. Wir sehen also ständig Angriffe, die irgendwie erfolglos sind. Bis einer nicht mehr erfolglos ist, und das ist dann ein Tor.
In diesem Sinne war das 2:0 so hervorragend herausgespielt, dass es schon wieder untypisch war. Vielleicht hat auch bloß die chilenische Abwehr einen Fehler gemacht. Man wird das analysieren.
Mich erinnert das an jene Geschichte von Heinrich Böll, in der ein Mann in – ich glaube – Griechenland beherzt Stühle fertigt. Jeder ein Unikat. Kommt ein Geschäftsmann des Weges und fragt den Handwerker, was er für so einen Sessel verlange. Der nennt einen ziemlich günstigen Preis. Freut sich der Geschäftsmann und will für den Anfang mal 100 Stück in Auftrag geben, aber alle müssen gleich aussehen. Meint der Handwerker, dann würde es das Doppelte kosten. Fragt der Geschäftsmann, warum. Antwortet der Handwerker sinngemäß: „Weil Sie mir die Langeweile abgelten müssen.“
Auf irgendeine weit hergeholte Art erinnerten mich die Fußballer gestern an diesen Handwerker (– seitdem der lieber viel Geld kassiert). Nun gut, sie hatten keine Langeweile. Sie wollten gewinnen. Die einen haben ihr Ziel erreicht. Sie können zufrieden sein. Aber waren sie mit dem Herzen dabei?
Werner Schuster



