Al Pacino tanzt Tango
schuster, 2009-09-24 07:56
Vor einer Weile habe ich wieder einmal meine Videokassetten-Sammlung durchsucht, ob ich darin etwas finde, was ich nicht nur aufnehmen wollte, sondern auch ansehen möchte. Seither liegen auf dem Hocker neben dem Fernseher drei Kassetten mit der Beschriftung „Indianer-Fotograf“ (keine Ahnung, was sich darauf befindet), „Der Duft der Frauen“ und „Magnolia“ (die Links gehen zur Internet Movie Database).
Und gestern hatte ich etwas zu feiern, bin aber für drei Tage Alleinerzieher. Leichtbier war gekauft, Wein und Zigarillos auch, doch ich wusste nicht so recht, was anfangen mit meiner Freude. (Mit meiner Tochter hatte ich sie schon geteilt.)
Und dann, Sie werden‘s nach der Einleitung erraten haben, fiel mein Blick auf den Hocker. Klar, logisch, selbstverständlich: Al Pacino.
Whiskey wäre angebracht, Wein geht so
Dazu kann man kein Bier trinken, Whiskey o.ä. wäre angebracht, Wein geht so. Der Film ist schwer in Ordnung, handlungs- und bildstark. Die Story ist auch o.k. und wäre großartig, wenn man endlich den allzu versöhnlichen Schluss rausschneiden würde, als Colonel Frank Slade, der sich innerhalb von drei Tagen vom verbitterten Arschloch zum nicht mehr so verbitterten Nicht-mehr-nur-Arschloch gewandelt hat, auch noch seine Enkelkinder auf eine heiße Schokolade einlädt, nachdem er eh schon die Moral einer ganzen Schule gehoben hat.
Das ist nämlich so: Charlie Simms (gespielt von Chris O’Donnell) kommt aus armen Verhältnissen und könnte sich mit Stipendien zu einem Super-Manager ausbilden lassen. Aber außer, dass er ein Herz hat, wie man so schön sagt, hat er auch noch einen wirklich argen Streich beobachtet, den einige Reiche-Schnösel-Kinder dem Direktor gespielt haben. Er kennt die Täter, und der Direktor erpresst ihn damit, ihn nicht für ein weiteres Stipendium vorzuschlagen, wenn er die bösen Buben nicht verrät.
Blind wie Al Pacino
Parallel dazu muss der Arme zu Thanksgiving einen Job annehmen, damit er es sich leisten kann, wenigstens zu Weihnachten nach Hause zu fahren. Hier kommt Colonel Slade ins Spiel. Und ab hier wird eigentlich alles andere wurscht, weil diese Figur ist blind und wird von Al Pacino dargestellt.
Ich versteh immer noch nicht, wie der das gemacht hat. Der ist blind in diesem Film (weiß schon: er wirkt überzeugend echt blind). Nicht nur die typischen Bewegungen eines Blinden – die Augen! Der hat die Augen eines Blinden. Der sieht nichts und schaut nicht. Wären die Superlativen von hysterischen Zeitschriften wie „News“ nicht ihrer Bedeutungen beraubt worden, müsste man hier alle aufzählen, die man kennt.
Aber das Beste hab ich noch gar nicht erzählt: Der blinde Colonel Slater tanzt auch. Er, der die Frauen liebt (alle) und dies, wenn er nicht gerade eine umgarnt, mit anstößigen Sätzen kaschiert, der blinde Colonel Slater also lernt einer Zufallsbekanntschaft in einem öffentlichen Lokal Tango tanzen. – Dabei rieselt‘s dir kalt den Rücken hinunter, während du am liebsten lachen und weinen zugleich möchtest.
Und so wurde es doch noch ein beseelter Abend. Slade trank Whiskey, ich Wein, er hat sich gebessert, ich nicht. Zumindest nicht nach außen hin. Es hat zwar niemand gesehen, aber man macht keinen besonders guten Eindruck, wenn einem fast 150 Minuten lang der Mund offen steht.
Werner Schuster
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