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Zu viel Outing bei "Victor Victoria"

steininger, 2010-08-11 22:18

„Victor Victoria“ in Stockerau: Ein Ärgernis, wenn mit so guten Hauptdarstellern eine Outing-Show und ein solcher Schenkel-Klopf-Abend gemacht wird.

Die Vorzeichen standen gut: Wer in den vergangenen Jahren bei den Stockerauer Festspielen Musicals wie „La Cage aux Folles“ oder „The King and I“ gesehen hatte, der erwartete sich auch heuer ein hochwertig gemachtes, gut gespieltes Musical. Alfons Haider, der in den genannten Stücken in den Vorjahren ausgezeichnet agiert hatte, dazu der stimmstarke, darstellerisch wandlungsfähige Musicalstar Maya Hakvoort.....und doch kommt „Victor Victoria“ nicht an die Erwartungen heran, was vor allem an Komponenten liegt, die eigentlich gar nicht zum Stück gehören.

„Zu früh“, schallt es oft, ja zu oft über den Stockerauer Renner-Platz. Schon wieder ist einer der Darsteller vorzeitig auf die Bühne gekommen. Ist das lustig, wenn bei einer Aufführung ständig Probenatmosphäre suggeriert wird? Meiner Meinung nach mäßig, jedenfalls ist es nicht jedermanns Sache....ebenso wenig wie zahlreiche niveauarme Witze, die aber anscheinend bei der Premiere sehr gut aufgenommen wurden.

Das Stück über eine erfolglose Sängerin, die von ihrem schwulen Freund dazu überredet wird, sich als Mann auszugeben, der Frauen imitiert, könnte sehr gut sein. Es hat zwar keinen wirklich Ohrwurm zu bieten, aber einen netten Plot samt liebenswerten Figuren (siehe Film mit Julie Andrews, Broadwayerfolge, ...) und in Stockerau gute Darsteller wie Maya Hakvoort, Alfons Haider und Ines Hengl-Pirker. Wie einfühlsam die ersten Beiden agieren, wie gut Hakvoort singt, wie sexy Hengl-Pirker die schrill-komische Rolle der tussigen Norma gibt, ist bewundernswert.

Unter der Regie von Gabriel Barylli wurde die Aufführung jedoch in zwei Richtungen übertrieben, was ihr gar nicht gut tat: Erstens, die bereits erwähnte Metaebene: zu oft wird beiseite gesprochen, eine Probensituation anstatt einer Aufführung suggeriert, werden Zitate verwendet, die im Sommertheater wohl niemand versteht („Mutter, gib mir die Sonne“ aus Ibsens „Gespenster“ – was hat das mitten in einem Gespräch über Impotenz zu suchen?), zudem werden absichtliche Fehler eingebaut. Wozu? Das wirkt unbeholfen, verwirrend und lenkt vom Eigentlichen stark ab.

Zweitens: Vor allem der zweite Teil wird zur ständigen Rechtfertigung der Homosexualität. Wir wissen alle bereits, dass Alfons Haider schwul ist, dass er es damit in Österreich nicht immer leicht hat, ist bedauerlich - dass sich nun aber die ganze Show um Outings drehen muss, ist dann doch aufdringlich. Die Hälfte der Figuren entpuppt sich als schwul, womit die meisten der anderen kein Problem haben....einer jedoch das Wort „H...“ gar nicht auszusprechen wagt. Hier wurde reichlich dick aufgetragen, was ins Gegenteil dessen, was Haider und Barylli wohl bezwecken, umschlagen kann.

Leider können diese Komponenten des Abends derart nerven und lenken auch zahlreiche niveaulose Witze mit sehr langem Bart (Schenkel-Klopfer-Humor à la „Kannst du Französisch“...schon geht Blondie auf die Knie...kein Kommentar) von den Positiva ab. Nämlich dass Maya Hakvoort sich als besonders wandelbare Darstellerin beweist, wenn sie von einer verzweifelten Dame zu einem burschikosen, besonders feste Händedrücke austeilenden, Riesenschritte machenden Grafen wird, der sogar einen flotten Tango mit einem Blondie hinlegt. Auch, wenn Alfons Haider den einfühlsamen Freund gibt, der das Verwechslungsspiel erst anzettelt, hat das Stück gute Szenen. Gewohnt elegant und nonchalant im Spiel sowie souverän in der sängerischen Darbietung gefällt der Intendant.

Ines Hengl-Pirker ist als minderbemittelte, gut aussehende Norma eine „Entdeckung“, die eigentlich keine ist, da Kenner sie schon in mehreren Musicals in Nebenhauptrollen und als Zweitbesetzung (etwa Ulla in „The Producers“) gesehen haben. Sie ist jedenfalls eine großartige Komödiantin, die das oberflächliche Dummerl gekonnt und passend überzeichnet darstellt. Christoph Zadra allerdings wurde wohl eher nicht wegen seiner Gesangsstimme engagiert, es hatte sowieso gewundert, warum der Darsteller des Gangsters auf den Ankündigungsplakaten mit nacktem Oberkörper abgebildet war.

Die Show-Nummern, von Norma und vor allem von Victor/Victoria besonders bühnenpräsent dargeboten, bieten eine weitere Entschädigung für Schenkel-Klopf-Geplagte, sie sind professionell ausgeführt und zeigen, was mit diesen Darstellern und dem guten Ensemble zu machen gewesen wäre. Hoffentlich wird nächstes Jahr bei „They´re playing our song“ wieder mehr auf die Qualitäten der Mimen gesetzt.

Theresa Steininger



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