Zarewitsch in Mörbisch
steininger, 2010-07-26 08:36
Im Premieren-Unwetter-Trubel ist untergegangen, welch fabelhafte Aufführung heuer in Mörbisch geboten wird.
Traurig, lebensnah, realistischer als viele andere Operetten, nicht versunken in einer Duidu-alles-eitel-Wonne-Mentalität – das zeichnet Franz Lehars Stück „Der Zarewitsch“ aus. Es ist Harald Serafin hoch anzurechnen, dass er heuer einmal nicht auf ein Happy End (wiewohl dieses für manche Zuschauer sowieso das Feuerwerk ist) setzt, sondern auf ein besonders anspruchsvolles Werk. Nicht, dass inmitten aller Staatsräson und der Geschichte der tragischen Liebe des russischen Thronfolgers und einer Tänzerin der Humor fehlt, durch den Diener Iwan und seine vernachlässigte Frau Mascha wird auch hier das amüsante Buffo-Paar eingeführt - und wie Sieglinde Feldhofer um ihren Marko Kathol und ihre ehelichen Rechte kämpft, ihn schließlich eifersüchtig macht, wodurch er aufbraust, ist witzig und gut gespielt. Zwar hat Feldhofers Stimme ihre Grenzen, wird in der Höhe schrill, doch ihre und ihres Partners Darstellung ist herzig und macht lachen, wenn Mascha sich in einer Kiste ins Soldatenlager einschleicht, ihren Iwan ins vertikal aufgestellte Bettchen holt und Frauenwäsche, die sie bei ihm findet, bei ihr nicht Eifersucht, sondern Freude über die doch ihn ihm lodernde Leidenschaft auslöst.
Im Mittelpunkt aber stehen Tiberius Simu und Alexandra Reinprecht - fechtend, schwärmend, verzweifelnd.... Als Mann verkleidet schleicht sich Reinprecht/Sonja beim Thronfolger ein, der keine Frauen in seiner Umgebung duldet. Schon bald bemerkt dieser den Schwindel, findet aber auch viel Gefallen an der Tänzerin. Da er sich schon bald verloben soll, fliehen die Beiden nach Italien – im Original nach Neapel, doch weil Venedigs Kostüm Mörbisch doch viel besser steht, hat man hier kurzerhand eine kleine Änderung vorgenommen. Bühnenbildner Rolf Langenfass lässt die Lido-Stadt ebenso glänzen wie das Bernsteinzimmer, hat sich heuer jedoch angenehm zurück gehalten. Wie auch die Inszenierung zwar einige für Mörbisch obligate Massenszenen erlaubt, dadurch jedoch nie die Intimität des Kammerspiel gefährdet, die in diesem Sommer klar im Vordergrund steht. Diese Balance hat Regisseur Peter Lund gut geschafft, wiewohl Lehars zarte Weisen auch nicht zu einer bombastischen, spektakulären Aufführung gepasst hätten. Die oft sanfte Operettenmusik wird von Wolfdieter Maurer und dem Orchester mit Gefühl dargeboten, manch einem Besucher mag der Pep fehlen, doch dann ist er eben im „Zarewitsch“ nicht ideal aufgehoben.
Alexandra Reinprecht und Tiberius Simu sind eine ausgezeichnete Besetzung. Nicht nur, dass sie sehr intensiv spielen und man ihnen ihre blinde Verliebtheit ebenso abnimmt wie die großen Seelenvorgänge – sie haben auch beide sichere, starke Stimmen mit wunderbarem Timbre, das sich in Lehars Melodien hineinschmiegt.
Natürlich fehlt auch die Rolle für Harald Serafin nicht, der als Großfürst Sonja in des Zarewitschs Hände spielt und sie schließlich auch wieder aus seinen Armen reißt. Souverän und staatsmännisch wie gewohnt, wenn auch mit weniger Stimme als zuletzt bringt Serafin seinen Part. Und auch, wenn sich der Intendant bei der Premiere sehr gegrämt haben mag über das Wetter, über die Besucherströme, die ihm auch eine Operette bringen wird, die sich so wenig dem Publikum anbiedert wie diese, wird er sich freuen können.
Theresa Steininger
Glücklich in Venedig: Tiberius Simu als Zarewitsch und Alexandra Reinprecht als Sonja. C: Seefestspiele Mörbisch.
Traum vom Ehebett: Sieglinde Feldhofer und Marko Kathol. C: Seefestspiele Mörbisch.



