"Weg ins Freie" in Reichenau
steininger, 2010-07-30 00:00
Die Festspiele Reichenau boten heuer mit „Weg ins Freie“ eine gewohnt ausgezeichnete Besetzung, aber ein ungewohnt inhomogenes Stück.
Unzählige Dramen von Arthur Schnitzler hat man bei den Festspielen Reichenau schon auf die Bühne gebracht. Um weiterhin Abwechslung zu bieten, wurden schon wiederholt seine Romane dramatisiert, was immer wieder sehr gut gegangen ist, doch im Fall von „Weg ins Freie“ nicht ausnahmslos gefällt.....was vor allem an der Auswahl des Romans liegt. Denn dieser und auch dessen Bühnenbearbeitung von Stefan Slupetzky bringen mehrere Handlungsstränge, die sich nicht recht ineinander verzahnen wollen: die Liebesgeschichte eines jungen Barons und einer gutbürgerlichen Tochter zwischen zarter Zuneigung, Kindstod und fehlender Bereitschaft zur Ehe einerseits, die Künstlerintentionen des Barons und der immer stärker aufkommende Antisemitismus in Wien um 1908 andererseits.
Letztere wird mehrfach spürbar gemacht ohne je im Mittelpunkt zu stehen, vielleicht dadurch auch zu sehr angestreift, um wirklich Stimmung zu erzeugen. Bei Slupetzky und Regisseurin Maria Happel hat Manuel Rubey als Baron so viel mit seinen Komponistenambitionen und seinen Liebschaften zu tun, dass er sich von den Ängsten seines jüdischen Freundes Bermann nicht anstecken lässt. Daran mag es auch liegen, dass die Teile der Handlung seltsam abgegrenzt wirken. Zudem sind die politischen Szenen des Stücks nicht plakativ angelegt, die hoch anspruchsvollen Texte können wirken, wenn die Zuschauer sich darauf wirklich einlassen - höchste Konzentration ist hier gefordert. Dennoch bleibt der Eindruck von mehreren Parallelstücken.
Einem somit nicht idealen Drama steht eine ideale Umsetzung gegenüber. Intendant Peter Loidolt hat einerseits eine perfekte Besetzung ausgewählt, andererseits mit seinem Bühnenbild einen geschickten Einfall umgesetzt: allein durch Türen, mal einfacherer, mal elegantere, die von den Darstellern auf die Bühne gezogen werden, erkennt man, ob sich die Szene im Palais oder im Vorstadthaus abspielt.
Regisseurin Maria Happel leitet die Vorstellung vom Klavier aus, der Soundtrack kreiert viel Atmosphäre und unterstreicht die Bedeutung der Musik für den Protagonisten. Als Baron Georg von Wergenthin kann Manuel Rubey gefallen, auch wenn man ihm den Verliebten etwas mehr abnimmt als den Schwerenöter, noch weniger den für seine Musik Brennenden, weshalb sein Drang nach Freiheit nicht gänzlich vermittelt wird und nicht ganz verständlich wird, warum er Anna nicht heiratet. Dieses bürgerliche Mädchen wird von Katharina Straßer verkörpert, anfangs schwärmerisch, schon bald ahnend, dass der Baron ihr nicht treu bleiben wird, zum Ende hin hart und abgeklärt leuchtet sie alle Nuancen dieser Figur aus. Angsteinflössend und zutiefst antipatisch legt Gerrit Jansen einen Arztsohn an, der trotz seines Judentums erschreckend antisemitische Ideen hat. Rainer Frieb und Marianne Nentwich geben das reiche jüdische Ehepaar, Ruth Brauer elegant und tiefgründig deren Tochter, die es selbst auf den Baron abgesehen hatte. Johanna Arrouas als Sozialistin, Marcello de Nardo als zynischer, intellektueller Bermann, der die Zeitumstände illustriert und seine Glaubensbrüder immer mehr in Gefahr sieht, Happel selbst in einer kleinen Rolle als vermittelnde Musikerin.....die Schauspieler machen diese Aufführung zur Bereicherung und entschädigen dafür, dass der Roman selbst nicht der bühnentauglichste ist.
Theresa Steininger
Manuel Rubey und Katharina Straßer zwischen Liebe und Mutlosigkeit. c: Carlos de Mello/Festspiele Reichenau.
Rubey mit Marcello de Nardo. c: Carlos de Mello/Festspiele Reichenau.



