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Rockiger Alpenkönig

steininger, 2010-07-28 11:16

Die schrill-schräge „Alpenkönig und Menschenfeind“-Inszenierung von Jerome Savary ist ein bisschen verrückt, bietet aber vor allem Karl Markovic eine wunderbare Plattform für sein wandelbares Spiel.

„Hu Ha“ singen blaugesichtige Kreuzungen aus Cowboys und Hippies und schwenken die Arme. Schräg und unerwartet rockig ist der Einstieg in Savarys „Alpenkönig“, nicht nur, weil Franz Josef Brezniks musikalische Arragements Bassgitarren zu den Geigen gesellen. Auch das sich bietende Bild mutet vorerst eigentümlich an – der Alpenkönig trägt ein Geweih, lässt sich von Touristen in Dirndln fotografieren, hat eine durch Hall verstärkte Stimme. Savary hat hier seiner Märchen-Fantasie freien Lauf gelassen und durchaus auch (absichtlich?) übertrieben. 

Als bunte Mischung aus Charakterstück, komischen Effekten, Vaudeville und schriller Märchenrevue hat er seine Inszenierung angelegt, die trotz ihrer Vielseitigkeit dort am besten ist, wo sie sich am nächsten an Raimund hält und ohne Ablenkung das reine Spiel der Protagonisten ins Zentrum rückt.

Natürlich kann man über Savarys verrückte Einfälle auch schmunzeln (etwa, wenn der Alpenkönig einen Brunnen in das Gesicht des ohnmächtigen Malchen lenkt, wenn der aus Italien kommende Maler "O Sole Mio" singt und seine Aktmalereien an heiklen Stellen überklebt werden,...), doch er hat – etwa in der Köhlerszene – auch zu viel gewollt. Sind die Köhlerkinder high, betrunken, schwanken sie aus reiner Lethargie? Hier wird es zu viel der ironischen Überzeichnung. Auch die gebrüllten Gesänge der Köhlerkinder und der Alpengeister sind nicht nur eigenwillig, sondern auch schwer zu verstehen, wiewohl man wieder darüber lachen kann, dass Savary hier „Ice Ice Baby“ von Vanilla Ice einspielen lässt.

Hervorragend aber sind die Szenen, in denen Karl Markovics den Menschenfeind gibt und jene, in denen er zum Menschenfreund konvertiert. Anfangs kann er einem mit seinen tollen Blicken, aus denen der Verfolgungswahn förmlich schreit, Angst machen. Bestechend ist Markovics auch im zweiten Teil, wenn er dem Alpenkönig, der ihm seine eigene Bosheit vorspielt, zujubelt und gleich heftigst widerspricht („Bravo, Bravissimo, ich bin gut“, „Der übertreibt!“). Wie der Schauspieler hier immer wieder beiseite redet und zwischen den Charakteren springt, ist höchst bewundernswert. Ihm zur Seite gute Protagonisten und schwache Nebendarsteller. Nicole Beutler darf als Frau Rappelkopf kehlige Chansons singen, womit sie ebenso gefällt wie mit ihrer souveränen Darstellung, ebenso passend auch Michael Masula als Alpenkönig. Pippa Galli ist eine sexy Kammerzofe, Boris Eder "nervt" gelungen als Haberkuk. Auf andere Ensemblemitglieder hat Savarys Hang zur Übertreibung abgefärbt, doch bleibt am Ende der Eindruck eines oft sehr gut gespielten „Alpenkönigs“, der eine mögliche heutige Sichtweise auf die Märchenposse bietet.

Theresa Steininger

 

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Die Wandlung des Menschenfeinds (Karl Markovics, jeweils rechts) - vom bedrohlichen zum schützenden Zeitgenossen. c: Christian Husar/Bühne Baden.



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