Big-Apple-Exkurs
steininger, 2010-06-21 08:45
Aus aktuellem Anlass ein kleiner-großer Exkurs ... nach New York: Das Musical „Memphis“ hat dort soeben einige der Broadway-Preise „Tony“ abgeräumt, unter anderem für das beste Musical, das beste Buch, den besten Text - und ich hatte das Glück es vergangene Woche zu sehen.
„Ain´t nothing worth visiting New York“ heißt es darin. Doch allein dieser Abend ist eine Reise nach Manhattan wert. „Memphis“ hat, was ein Musical braucht: sehr mitreißende Melodien von Rock´n´Roll bis Gospel, eine bewegende, nachvollziehbare (!), auch mit Humor gespickte Story, flotte Choreografien und ausgezeichnete Darsteller. Joe Di Pietros Geschichte dreht sich in den 50er Jahren um den Weißen Huey, der sich nicht nur in eine Schwarze verliebt, sondern sie auch berühmt machen will. Sehr amüsant, wie er sich in einer Radiostation frech ans Mikro setzt....und durchschlagenden Erfolg hat, indem er schwarzen Rock´n´Roll auflegt. Schwieriger aber, für seine Liebe zu einer Schwarzen vor seiner Mutter oder schlagenden weißen Bewohnern von Memphis gerade zu stehen. Keine einfache Story, die aber zutiefst amerikanisch ist und die hier voller Respekt und Realismus auf die Bühne gebracht wird.
Es sind vor allem die – das soll hier bitte mit größer Hochachtung verstanden sein – vollen schwarzen Stimmen, die den Abend zum musikalischen Genuss machen. Wie Montego Glover als Felicia mit ihrer Stimme nicht nur Huey betört, sondern jedem Zuschauer eine Gänsehaut verursacht, trägt viel zum Erfolg von „Memphis“ bei. Wie die Probleme zwischen Schwarz und Weiß in all ihrer Drastik und Hoffnungslosigkeit, aber doch auch immer mit dem Gefühl, dass alles besser werden könnte, vermittelt werden (Mutig, aber eben realistisch, dass dem Musical das allzu romantische Happy End versagt bleibt), aber auch wie einzelne Charaktere vom stummen Freund bis zum singenden Putzmann, der große Karriere machen will, gezeichnet sind, ... hier stimmt einfach alles. Hervorragende Darsteller und flotte Choreografien tun das Ihre dazu, dass ich der „Tony“-Jury (ohne freilich alle Konkurrenten gesehen zu haben) zustimmen kann, dass hier etwas Besonderes auf die Bühne gebracht wird.
Frankie-Tanz
Am nächsten Abend ließ ich gleich noch ein Musical folgen: Twyla Tharps „Come Fly Away“, das am Broadway heftige Diskussionen ausgelöst hat ob seiner Identität: Kann ein Stück, das zwar eine Live-Band und eine Sängerin hat, mit Frank Sinatras Stimme vom Band arbeitet, ansonsten aber eben eine große Choreografie mit wenig Handlung ist, überhaupt „Musical“ genannt werden? Gleichgültig - denn was hier geboten wurde, war Musicalshowtanz vom Feinsten, Liebschaften und Eifersüchteleien werden nur angedeutet, Tharp wollte sichtlich, dass sich die Zuschauer ganz auf den Tanzes konzentrieren. Ihr Stil in Musicaltänzen greift immer wieder auf die gleichen Elemente zurück, auf elegante Hebungen und wunderbar fließende Bewegungen, kann aber ebenso brutal wie elegant sein – und auch witzig, wie in den Einlagen von Charlie Neshyba-Hodges zu sehen war, dem Liebling des Stücks. Schade, dass sich Solistin Holley Farmer mit ihren Drehungen mühte, wo ansonsten das gesamte Ensemble einen hochprofessionellen Auftritt bot. Ich gebe Kritikern Recht, Tharps Stück ist kein Musical im eigentlichen Sinn, auch hätte ein bisschen mehr Handlung nicht geschadet, aber „Come Fly Away“ bietet herrlich anzusehenden Tanz und ist eine Wonne für Frankie-Boy-Fans.
Herausragendes ABT an der MET
Dass die Choreografin auch (neo)klassischer kann, zeigte das herausragende Ballett der Metropolitan Opera übrigens am selben Tag am Nachmittag (Ja, ich habe von New York hauptsächlich Theater gesehen....). Die Matinee, in der auch der ehemalige Tänzer der Wiener Staatsoper Daniil Simkin in einem Stück von Jerome Robbins perfekt und sprungfreudig tanzte, brachte ihre „Brahms-Haydn-Variations“ mit hohen Ansprüchen, die das ABT mühelos bewältigte. Auch hier viele dynamische und elegante Hebungen-Drehungen-Kombinationen, besonders Xiomara Reyes, Hee Seo und Gennadi Saveliev wussten durch ihre Exaktheit zu beeindrucken.
Ein Hauch New York kommt nach Wien
Ein herrlicher Kulturausflug nach New York, zu dem die Martha Graham Dance Company den Anlass bot, die mit eindrucksvollen historischen Stücken dieser Choreografin und solchen, die ihren Stil mit gegenwärtiger Tanzsprache konfrontieren, im Oktober im Wiener Museumsquartier gastieren wird (mehr dazu in einem eigenen Artikel).
Theresa Steininger
Joan Marcus/ The Hartman Group PR
Joan Marcus/ The Hartman Group PR



