Fadesse statt Skandal
steininger, 2010-03-05 10:05
Wer befürchtet, „Moser“ im Theater in der Josefstadt würde den Volksschauspieler von seinem Sockel stoßen, kann getrost ins Theater gehen. Wer jedoch erwartet, dort unterhalten zu werden, sollte zu Hause bleiben.
Denn „Moser“ von Franzobel bringt keinesfalls den wohl eher von Boulevardmedien und rechten Kreisen herbeigeredeten/geschriebenen Skandal, sehr wohl jedoch eine Menge Fadesse und Längen.
Zu aller erst sei gesagt: Ich finde es gut und interessant, wenn die Vergangenheit nicht unter den Teppich gekehrt wird, auch und gerade wenn es sich um hochverehrte Künstler handelt. Aufzuzeigen, wie sich jemand in der Zeit des Nationalsozialismus verhalten hat, mindert ihre künstlerische Leistung nicht und ist nicht verwerflich, sondern notwendig. Anklagen von Seiten der Nachgeborenen jedoch sind eine höchst heikle Sache.
Doch das tut Franzobel nicht. Er stellt viele Wahrheiten neben einander, stellt Moser sehr wohl als jemanden dar, der sich arrangiert hat, der für seine Frau Blanca vieles tat. Aber er bringt in unklaren Momenten mehrere Sichtweisen: „Ich war immer ein gespaltener Mensch“, lässt er Moser sagen. „Nie dafür und nie dagegen“. Mal habe er innerlich salutiert, mal den Widerstand im Blick gehabt, je nachdem, was er gefragt wird. Er müsse sich halt ein bisserl verbiegen, sagt seine Frau. „Die ganze Wahrheit weiß man nie“, singen die Schrammelmusiker am Ende. „Aber drüber reden soll man schon.“ Soweit zum unverletzten Denkmal.
Was jedoch an der Vorstellung sehr wohl stört, sind die vielen grotesken Einfälle. Warum malt Blanca mit Hitler, der übrigens Gott ist, ein Bild und wird von Moser des Seitensprungs verdächtigt? Überzeichnet auch, dass Gott/Hitler Gehirnsäfte ausschenkt. Übertrieben, wie Blanca Moser bemuttert. Und skurril, wenn der junge Moser im Deutschland-Dress den Helden Siegfried spielt und mit einem Gartenrechen den Schrammellindwurm ersticht (respektive durch die Trommel der darauf sitzenden Musikerin stößt). Einige Ideen wirken aufgesetzt, die guten (wie die des Fernsehers als Bühne auf der Bühne, durch den in die Vergangenheit geblickt wird - oder Aussagen wie "Wer der Moser ist, bestimme ich") sind in der Minderzahl, der Abend wird an manchen Stellen von Regie (Peter Wittenberg) und Text her zur Clownerie und führt öfters zu der Frage „Was soll das jetzt wieder?“.
Es sei empfohlen, sich auf die guten Leistungen der Darsteller zu konzentrieren. Erwin Steinhauer lässt als alter Moser spüren, wie er darum ringt akzeptiert zu werden, wie er um sich und seine Frau fürchtet. Florian Teichtmeister gefällt als junger Moser beispielsweise, wenn er den alten erfolglos auf Hitler aufmerksam machen will. Die Wortgefechte der beiden und das Hickhack, wer wohl der richtige Moser sei, sind sehr gut. Sandra Cerviks Figur Blanca jedenfalls behandelt beide wir Babies. Sie, Martin Zauner und Alexander Pschill dürfen sich bei einem Imitatoren-Wettbewerb auch als Moser versuchen – oft gar nicht schlecht. Und Pschill ist vor allem als geckenhafter Adjudant Wackel gut, dem man jederzeit jede Hinterlistigkeit zutraut. Hubsi Kramar spielt Hubsi Kramar, sein Hitler gehört hier eher zu jenen Figuren, die den Zuschauer bald nerven.
Insgesamt hat Franzobel ein inhomogenes Stück geschaffen, das vielleicht zu viel wollte und nicht durfte (?) und daher nun zahnlos daherkommt. Schade.
Theresa Steininger
Erwin Steinhauer und Florian Teichtmeister sollen sich im Himmel zur Schrammelmusik verbiegen (mit Roland Neuwirth). C.: Erich Reismann/Theater in der Josefstadt.
Erwin Steinhauer brilliert als alter Hans Moser, im Hintergrund Alexander Pschill als Wackel, Hubsi Kramer als Hitler, Sandra Cervik als Blanca Moser. c: Erich Reismann/Theater in der Josefstadt.
Moser-Imitatoren-Wettbewerb: Im Himmel gibts schon zu viele Mosers (Martin Zauner, Sandra Cervik, Alexander Pschill.) c: Erich Reismann/Theater in der Josefstadt.



