ImPulsTanz-Querschnitt
steininger, 2010-08-12 21:13
Ein ImPulsTanz-Querschnitt auf der Suche nach möglichst viel Tanz inmitten der Performance-Welt.
Für den ersten tänzerischen Höhepunkt des Festivals sorgten gleich an den ersten Abenden Les Ballets de Monte-Carlo mit „Daphnis et Chloé“ von Jean-Christophe Maillot zur Musik von Ravel. Mit einem Spiel von Annäherung und Scheu vor einem Bühnenbild aus projizierten, ästhetischen Aktzeichnungen konnten Anjara Ballesteros und Jeroen Verbruggen begeistern. Als junges Hirtenpaar berührten sie einander zaghaft, schreckten voreinander zurück, schmiegten sich schließlich doch in die Bewegungen des anderen. Hochgradig elegant und exakt wurde das Flirten mit vorsichtigen Bewegungen zu einem fließenden Pas de Deux, dem sich als älteres Paar Bernice Coppieters und Gaetan Morlotti anschlossen. Sie versuchten die beiden Liebenden von einander wegzuziehen, doch der Magnet, der die beiden zu verbinden schien, war stärker. „Daphnis et Chloé“ wurde dank perfekt ausgeführter Kombinationen zu einer Sternstunde des neoklassischen Balletts.
Weniger zeigen durften Mitglieder der berühmten monegassischen Kompanie in der Choreografie „Sacre: The Rite Thing“, die der Österreicher Chris Haring für sie geschaffen hat. In Auseinandersetzung mit „Le Sacre du Printemps“, dem Paradewerk der Tanzavantgarde, ging es ihm darum, Opfer, Täter und Tänzer darzustellen. Viele Bewegungszitate – wie Stampfen, eckige Armhaltungen und einwärts gedrehte Füße („My feet are starting to hurt“, bekennt eine Tänzerin)- und Gespräche über das berühmte Nijinsky-Ballett wurden zu Ready-Mades zusammen gesetzt, deren Ideen sich jedoch wiederholten oder teilweise sehr eigenwillig anmuteten, beispielsweise wenn ein Darsteller den Boden aufschleckte, nachdem seine Kollegin vom Geschmack des Frühlings geschwärmt hatte. Straffung hätte Harings Stück gut getan, auch wenn einige Ideen interessante Ansätze zum heutigen Umgang mit früheren Skandalstücken brachten.
Das Leid des Tänzers mit einer bestimmten Rolle nahm sich auch Mathilde Monnier zum Thema. „pavlova 3`23``“ nannte sie ihre Auseinandersetzung mit dem berühmten Solo des „Sterbenden Schwans“. Oftmals mussten ihre Tänzer an diesem Abend zusammen brechen, zucken, Aufregung versprühen, hier waren die Assoziationen zu dem berühmten Vorgänger klar. Warum die Performer aber Gegenstände an einander befestigten und mit diesen auskommen mussten, blieb unklar. Am besten verständlich war ironischerweise der chinesische Monolog einer Tänzerin. Zwar war wohl für den Großteil des Publikums unverständlich, was sie genau sagte, doch wie die Tänzerin ihre Aufregung in die Stimme fließen ließ, ja Hysterie durch ihren Tonfall erzeugte, vermittelte, welch große Gefühle das Stück in ihr auslöste. Obwohl der „Sterbende Schwan" 1907 provoziert hat, ließ Monnier diesen Aspekt beiseite. Der Abend wurde durch zu wenig Bezug und Zusammenhang fast belanglos.
Nicht eine Referenz auf ein älteres Stück, sondern dieses selbst brachten die Tänzer von P.A.R.T.S. mit der energiegeladenen Choreografie „Drumming“ von Anne Teresa De Keersmaeker, ein Werk, das man gerne wieder sieht. Exakt ausgeführt brachten die Künstler, die soeben ihre Ausbildung an der belgischen Schule von De Keersmaeker abgeschlossen haben, zur Musik von Steve Reich einen hochenergetischen, mitreißenden Abend, der doch stets von Eleganz geprägt war, wenn sie auf einander zuliefen, einander hoben, Phrasen vom anderen kopierten, ihre eigenen Gliedmaßen bewegten, als ob eine die andere angeschlagen hatte. Läufe und Sprünge, Harmonie in Übergängen und Kombinationen, die bei all der Geschwindigkeit auch Platz für Fragilität ließen, machten den Abend erlebenswert.
Weniger tänzerisch, aber dafür ähnlich eindringlich ein gänzlich andersartiger Abend: Anlässlich des Aids-Kongresses in Wien hatte das ImPulsTanz-Team abermals Robyn Orlin mit ihrer Arbeit „We must eat our suckers with the wrappers on...“ eingeladen – eine starke Performance über die Verbreitung des HI-Virus in Südafrika. Anhand von Lutschern, die nur mit Verpackung verzehrt werden sollten, wurde Safer Sex dargestellt. Die Lutscher wurden an das Publikum verteilt, aber auch zügellos von einem Performer genossen, der sich diese, nachdem er sie abgeschleckt hatte, zwischen Körperteile zwickte. Beklemmend wurde es, wenn er dabei erzählte, mit wem er sich an diesem Tag zu amüsieren gedachte, obwohl er nur mehr drei Monate zu leben hatte und sein Mann und sein Sohn bereits gestorben waren. Zur einer besonders direkten Konfrontation der Zuschauer mit der Materie steckte er einigen die roten Schlecker sogar in den Mund und leckte sie danach genüsslich ab. Kalt lief es einem den Rücken hinunter, wenn eine Kranke sich vor Schmerzen wand und ein Wunderheiler ihr nur noch mehr Leid zufügte. Die Ohnmacht, mit der man der Krankheit Aids in vielen Ländern diese Welt gegenüber steht, weil die Mittel fehlen, wird in dieser Performance schmerzhaft deutlich. Orlin findet inmitten von afrikanischen Chorgesängen, stampfenden Tänzen und per Handkamera erstellten Projektionen, die das Geschehen noch direkter an den Zuschauer bringen, starke Bilder, die beklemmend nahe gehen.
Beklemmend und zugleich das Zwerchfell kitzelnd war Marie Chouinards „The Golden Mean“. Mal ließ sie ihre fremdartigen Kreaturen wie Tiere kreischen und schreien, dann wechseln sich Lachen und Weinen ab, einerseits witzig, wenn die Performerin dabei Ballettexercise und Stepp-Variationen macht, andererseits befremdlich, wenn zwei Tänzer einander Schmerzen zufügen. Aufrütteln will Chouinard sichtlich, aber auch zum Lachen bringen, was ihr besonders gelingt, als sie ihre 12 Performer Masken von Heinz Fischer tragen lässt.
Insgesamt bot ImPulsTanz heuer wieder eine enorme Breite, das Festival konnte (in allen Veranstaltungen samt Tanzkursen) 94.000 Besucher erreichen, die Gesamtauslastung wird kurz vor dem Ende der Veranstaltungsreihe mit 98 Prozent beziffert.
Theresa Steininger
Betörende Eleganz mit dem monegassischen Ballett. C: Les Ballets de Monte Carlo/ImPulsTanz.
Aids-Stück mit rhythmischem Gesang. C: John Hogg/ImPulsTanz.
Marie Chouinards Zauberwesen. c: Sylvie-Ann Paré/ImPulsTanz.
Nachwuchskünstler in "Drumming". C: Bart Grietens/Impulstanz



