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Festwochen-Endspurt

steininger, 2010-06-20 14:21

Bedrückend und amüsant zugleich ist die Festwochen-Aufführung von Elfriede Jelineks Wirtschaftskomödie „Die Kontrakte des Kaufmanns“.

„Ihr Geld ist ja da, es ist nur woanders, wir haben es gelehrt zu arbeiten." „Was beklagen Sie sich denn, Ihr Kapital lebt doch auf einer schönen Insel." „Wir haben uns versprochen, statt etwas zu versprechen.“ Abfindungen, mit denen man sich abfinden muss, Gebühren, die den Spekulanten nun einmal gebühren, ein ehemaliger Finanzminister aus Stein, aber nicht in Stein, der immer wieder aufsteht, aber nicht sitzt.

Falsche Versprechungen, Worthülsen, Wortverdrehungen zum eigenen Vorteil: So klingt der Sprech der Finanzhaie und Spekulanten bei Jelinek. Bawag- und Meinl-Skandal waren der Ausgangspunkt ihres Stücks, mit der Weltwirtschaftskrise der letzten Zeit wurde es ein noch aktuellerer Kommentar zu den verrückten und erschreckenden Ausprägungen des Geldwahnsinns.

Jelinek schaffte Textmengen, die aus zahlreichen Wortspielereien bestehen, die amüsieren, auch wenn man stets ob der Unverfrorenheit der Spekulanten und ob der Naivität der Kleinanleger, zu denen wohl ein guter Teil des Publikums gehört, verzweifeln könnte. Nicolas Stemann bringt den mit Boshaftigkeiten gespickten Text mit seiner „schnellen theatralen Eingreiftruppe“ auf die Bühne – großteils beeindruckend, wenn im Chor scheinheilige Überredungskünste und bodenlose, halbherzige Entschuldigungen der Spekulanten auf die Anleger losgelassen werden, die alles verloren haben. Da wird dem Kleinanlegerpaar die Couch unter dem Hintern weggetragen, da singt Stemann selbst „Julius“ statt Falcos „Jeannie“ und EAV-„Banküberfall“, da lässt ein „Zauberkünstler“ den Geldschein einer Zuschauerin verbrennen, anstatt ihn wie versprochen zu verdoppeln (warum gibt sie auch 100 Euro einfach so her?).

Übertrieben und ekelerregend, wenn auch wieder passend, die Szene, in der sich zwei Darstellerinnen Geldschein über Geldschein in den Mund stopfen. Fadisiert zeigte sich ein Zuschauer andererseits von einem eigentümlichen Vortrag mit Flipchart, auf der das Geld immer kleiner wird. „Ist euer blödes Gequatsche auch von der Jelinek?“, schreit einer. „Im Stück steht hier: Zwischenruf aus dem Publikum“, ist die schlagfertige Reaktion des Darstellers.

Von Anfang an zeigt man auf einem Zähler die noch zu lesenden Seiten an: 99 zu Beginn. Dass hier etwas zu bewältigen ist, macht auch Stemanns Ausruf in den 60er-Seiten klar: „Macht schneller, ich kann nicht mehr“. Bei 0 und nach vier Stunden (die Spielzeit variiert) hat man es geschafft, ist erleichtert, auch wenn die Aufführung bereichernd, erschreckend und eindrucksvoll sowie ausgezeichnet gespielt war.

Wenig gewonnen

Wie die Entwicklung der zukünftigen Zivilisation aussieht, hat Daniel Veronese sich anhand von Ibsens „Nora“ in „El desarollo de la civilizacion venidera“ überlegen wollen. In einem an diesen Klassiker der Unterdrückungsliteratur angelehnten Stück lässt er Maria Figueras als Nora und Carlos Portaluppi als Helmer die bekannte Geschichte mit nicht allzu modernen Mitteln spielen, gegenüber einer herkömmlichen Version hat diese Fassung wenig gewonnen. Warum der Regisseur etwa aus Rank eine Frau macht, die die Zigarren Helmers raucht....? Veronese liefert wenig neue Überlegungen, doch es macht Spaß, Ibsens heute noch immer so gültige Handlung auf Spanisch und mit einer ebenso quirligen wie später verzweifelten Maria Figueras und einem herrisch-überlegenen Helmer Portaluppis zu sehen.

Theresa Steininger

 

kontrakte

Geld ist alles: "Die Kontrakte des Kaufmanns". C: David Baltzer / bildbuehne.de/Wiener Festwochen

el desarollo

 

Ehekrieg in "El desarrollo de la civilización venidera - Die Entwicklung einer künftigen Zivilisation". C: Sergio Chiozzone/Wiener Festwochen



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