Die Weiten Länder
steininger, 2011-11-22 18:19
Einmal schwarz-weiß, einmal zwischen Dschungelpflanzen und Felsen. Wie unterschiedlich man Schnitzlers Klassiker „Das Weite Land“ aufführen kann, zeigen parallel das Wiener Burgtheater und das Münchner Residenztheater.
Schatten hinter Jalousien, sinistre Musik, geblähte Vorhänge, Frauen räkeln sich lasziv, hauchen, seufzen, anstatt Tennis wird Billard gespielt, wer küsst, hebt noch eben das Füßchen dazu hoch. Selten hat man eine Idee so konsequent durchgezogen gesehen wie jene von Alvis Hermanis, Schnitzlers „Weites Land“ als 40er-Jahre-film-noir zu inszenieren. Ist das noch Schnitzler? Es ist sein Text, aber natürlich beeinflussen Musik – von Psycho bis Vertigo - und Thriller-Anmutung die Rezeption. Peter Simonischek als aalglatter Aufreißer Hofreiter und Dörte Lyssewski als femme-fatale-Genia erfüllen seine Vorgaben gut, Bogart und Bacall lassen grüßen. Alles passt zusammen – und doch besser zu Hitchcock als zu Schnitzler. Jeden Moment glaubt man einen Mörder um die Ecke kommen zu sehen. Man kann sich also entweder amüsieren über eine solch rigide Umsetzung eines Regiekonzepts oder all dies als übertriebene Hirnakrobatik, die vor allem offensichtlich wird, wenn blonde Frauen durch die Hotelhalle schlafwandeln, ablehnen. Sicher ist, dass man Schnitzler so noch nie gesehen hat.
Wer eine ganz konventionelle Inszenierung bevorzugt, kann ja auch in die Josefstadt gehen, wo Föttinger/Cervik eine solche bieten. Ein München-Ausflug bietet in dieser Hinsicht Ambivalentes: Zwar konventionell, aber doch wunderlich. Von Martin Kusej hatten sich viele die Bühnenberserker-Version erwartet, er wiederum lieferte am Residenztheater als Einstandsinszenierung seiner Intendanz eine sehr präzise, kühle, psychologische Interpretation ab. Juliane Köhler gibt eine kalte, verhärmte Genia, Tobias Morettis Hofreiter wird einem fast allzu sympathisch, er spielt eindringlich, wie ein alternder Mann der Jugend verlustig geht, Markus Hering ist ein großartiger, abgebrühter Mauer. Alle weiteren dürfen kaum spielen. Unverständlich bleibt, warum man vom Tennis wie vom Dschungelcamp ramponiert und verschmiert zurück kommt und sich bei jedem Auftritt durch einen Schlingpflanzenurwald kämpfen muss, der im Hotelakt von einer Felsenhalde abgelöst wird. Wunderbar jedenfalls: Kusejs Inszenierung stellt mit Hilfe eines großartigen Tobias Morettis den Text in den Vordergrund – und das hat sich Schnitzlers „Weites Land“ wahrlich verdient.
Theresa Steininger



