Richard 2 – Jetzt schaun wir mal, wer gleich noch steht.
mangiapia, 2010-06-22 15:32
Gernot Plass legt mit seiner Überschreibung von Shakespeares „Richard II“ keine weitere Übersetzung, sondern ein komplett neu gefasstes Stück vor. Dem Original wird dabei mit griffiger, moderner Sprache und rasenden Dialogen zu Leibe gerückt und der Stempel unserer massenmedialen Demokratie aufgedrückt.
So die Beschreibung Seitens des TAG (Theater an der
Gumpendorfer Straße).
Zusammengefasst: man agiert mit viel Sarkasmus, Kindereien, Kraftausdrücken und
Wortwitz statt mit wohlklingenden Versen. Jedoch ist dies keinesfalls eine
Abwertung! Im Gegenteil. Höchst anspruchsvoll zeigt sich diese Überarbeitung mit
Hang zu Tarantino, bei der die Kunst des Schauspiels hauptsächlich im Wortspiel
liegt.
Dass es dabei vor allem auf die perfekte Modulation der Stimme ankommt, hat man
hier tatsächlich begriffen.
Aber auch optisch machen die Jungs auf der Bühne etwas her:
Richard II (Gottfried Neuner) tritt, ebenso wie seine
Kollegen, als stilbewusster Anzugträger vor sein Publikum und pendelt auf der
in schwarz gehaltenen Bühne zwischen Nüchternheit und Exzentrik.
Was das Auge hier sieht, spiegelt Text und Handlung wider. Die in schwarz-weiß
gekleideten, geradlinigen Charaktere, wandeln niemals in Grauzonen, sondern
wechseln von einem Moment zum anderen zwischen Ansehen und Ungnade, Leben und
Tod.
Und doch sehen sie, den König eingeschlossen, alle gleich aus. Zurecht, ist
doch jeder einzelne Spross desselben Stammbaums, der seine Äste in Richtung
Thron reckt.
Der schauspielerischen Leistung kann kaum genug Respekt
gezollt werden.
Allen voran begeistert Gottfried Neuner mit präzisem Spiel als süffisanter
Richard.
Horst Heiß, der mich unlängst in „The Cocka Hola Band“
schwer enttäuscht hat, kann sich in der Rolle des Johann von Gaunt rehabilitieren.
Fabelhaft beweisen sich auch Julian Loidl als äußerst authentischer Heinrich
und Jens Claßen als rauer Mowbray. Georg Schubert glänzt in der Rolle des
Herzog von York.
Abgesehen von der drückenden Hitze im Keller des TAG, die dem Zuseher die
Freude am Spiel verderben könnte, gibt es bei dieser großartigen Produktion
kaum etwas zu meckern. Von Licht und Bühnenbild über schauspielerische Leistung
bis hin zur Kostümierung und Textadaption ist dieses Stück durchwegs gelungen.
Einziges Problem des erheiternden Konzeptes: Wenn es gerade einmal nicht lustig
ist, sinkt die Aufmerksamkeit und lange Monologe, beispielsweise der des
sterbenden Gaunt, sind bei diesen Temperaturen kaum mehr erträglich.
Ansonsten bleibt mir nur, den Hut zu ziehen!
© Anna Stöcher



