I FURIOSI – Die Wütenden
mangiapia, 2008-05-21 16:11
Der Rabenhof versetzt mit dem neuen Stück nach Vorbild des Romans von Nanni Balestrini in die gewaltreiche Welt des neurotischen Fußballkonsumenten.
Im Publikum sitzt gut verteilt ein wenig von Österreichs A-Prominenz, wie auch Herr Stermann (ORF-Donnerstag Nacht).
Das ist das Schöne bei einem so kleinen Land – da ist fast jeder prominent. Während man in Deutschland auf solchen Theaterpremieren bestenfalls D-Promis wie Daniel Küblböck (DSDS) trifft, gibt es hier ja gar keine D-Promis, denn wir beginnen ja quasi erst mit C. Wenn man Niki Lauda mal als Ausnahme betrachtet, ist jeder der in Österreich kontinuierlich im TV auftritt A-Promi, Unternehmer die sich gern fotografieren lassen sind A oder B-Promis und C-Promi ist man vermutlich schon, wenn man auf den gleichen Events wie die vorherigen Buchstabenträger erscheint. So kann sich der gemeine Bürger in Österreich schon getrost als D-Promi bezeichnen.
Zurück zum Rabenhof…
Ich komm mir ein bisschen vor wie im Zoo, freu mich aber von Beginn an über die große Absperrung auf der Bühne, denn ich möchte Ausschreitungen sehr gern hinter Gittern wissen.
Prompt tauchen zwei prachtvolle Exemplare des Homo Proletus auf, in entsprechender Streetwear, versteht sich, und beginnen ihren Bericht über gemeinsam erlebte Fußballereignisse beim AC Milan.
Die Flucht aus dem tristen Alltag in die drogen- und adrenalinreiche Gruppendynamik wird als kollektive Aggression präsentiert, die damit erfolgreich politische und wirtschaftliche Vorteile (Entertainment-Business) der EM kontrastiert.
Von Brandstiftung, über Diebstahl bis hin zu Sachbeschädigung und schweren Gewaltverbrechen scheint alles menschenunwürdige vertreten. Dabei werden die Erzählungen der beiden Schauspieler auf den Videowalls hinter ihnen mit realen TV-Mitschnitten bestätigt.
Auf der Bühne hingegen wird gerülpst, gespuckt, Bier verschüttet, Gegenstände durch die Gegend geworfen, der nackte Hintern ins Publikum gestreckt und ordentlich Krach gemacht – Aggressionstheater vom Feinsten!
Holger Schober und Sebastian Wendelin (Anm.: Liebe Grüße an die Frau Mutter, die durfte ich kurz kennenlernen.) spielen ihre Rolle so perfekt, dass man fast Angst bekommen könnte, sie seien tatsächlich Fanatiker.
Die oberkörperfreien, stark tätowierten Didi Bruckmayr und Siegmar Aigner unterstützen die Sprechchöre der beiden Hauptdarsteller durch Megafongekreische und harte, laute Beats.
Irgendwann wird mir das doch etwas zu langatmig und zu viel für das Trommelfell, im Großen und Ganzen aber ein recht beeindruckendes Stück mit einigen Überraschungsmomenten.
So wird beispielsweise eine riesige Milan-Flagge über das Publikum gezogen (Anm.: wie in diesen Fahrgeschäften, in denen dann alle die Hände ausstrecken um die Plane hoch und runter zu schubsen) um die Zuseher angemessen zu integrieren.
Erfrischend anders für all jene, die sich Fußball-Rowdies gern aus sicherer Entfernung ansehen und ein herrliches Reservoir für alle, die noch nach Ausreden suchen, um sich nicht dem EM-Fieber ergeben zu müssen.
(c) Rabenhof/pertramer.at



