Gemischte Gefühle beim letzten Feuer im Volkstheater
mangiapia, 2010-05-28 12:50
„Das letzte Feuer“ von Dea Loher handelt von Tod, Verlust und Schmerz.
Ein Junge wird von einer Polizistin (Katharina Vötter) überfahren, die einen
vermeintlichen Terroristen verfolgt. Das Leben aller Menschen im Umkreis dieses
Schicksalsmoments ändert sich dadurch schlagartig.
Rabe (Raphael von Bargen) ist der einzige Zeuge des Unfalls, doch er spricht nicht über das Geschehen, sondern feilt sich stattdessen die Nägel bis auf die Knochen und schreit drei Tage lang durch.
Die Mutter des Jungen, Susanne (Claudia Sabitzer), versucht schlichtweg
weiterzuleben und sich vorbildlich um ihre alzheimerkranke Schwiegermutter
Rosemarie (Johanna Mertinz) zu kümmern, während ihr Mann Ludwig (Rainer Frieb)
sie mit der brustamputierten Karoline
(Susa Meyer) betrügt.
Karolines Auto war jenes, das die Polizistin verfolgt hatte, als sie den Jungen
überfuhr. Karoline hatte es einem Kleinkriminellen „geliehen“, Olaf (Simon
Mantei), der sich seit dem Unfall in seinem Zimmer vergräbt. Sein Geliebter,
Peter (Thomas Meczele), bemüht sich während dessen verzweifelt Arbeit zu finden
und Olaf wieder vor die Tür zu locken...
Das titelgebende Feuer steht immer wieder als Symbol für Tod und vorgegaukelten Neuanfang. In Wahrheit beginnt aber nichts neu, alles vergeht oder wird mutwillig vernichtet.
Das Zerstörung bringende Unglück nimmt in diesem Stück leider schon fast übertriebene Ausmaße an: Man prügelt sich zu Tode weil man sich liebt, man zündet sich an, wird TerroristIn und/oder schizophren. Am Ende wird alles furchtbar unübersichtlich – wohl auch wegen der völlig unkoordiniert eingesetzten Litern Kunstblut.
Mit Wohlwollen könnte man das Ganze als trashigen Kult
verkaufen, dafür fehlt allerdings der nötige Schuss Tarantino oder die Prise
Almodovar.
Schwer und verstörend empfindet man dieses Stück, bei dem es sich anfühlt, als
würde ein Geisteskranker die sich überschlagenden Ereignisse metaphorisch
rekapitulieren.
Die eigentliche Handlung wird immer wieder unterbrochen und die Schauspieler
resümieren Passagen in der distanzierten, dritten Person wie die Stimme aus dem
Off.
Möglicherweise eine Strategie zum Spannungsaufbau, die allerdings eher unglücklich gewählt wurde.
Auch anfängliche, im Chor gesprochene Reden dehnen das
Zeitgefühl ungemein und selbst das Schauspiel provoziert gelegentlich
Langatmigkeit:
Claudia Sabitzer als Mutter Susanne, so scheint es, purzelt manchmal aus ihrer
Rolle heraus, aber wer könnte es ihr verübeln, sind die Charaktere doch kaum
mehr nachvollziehbar.
Authentisch hingegen war Thomas Meczele, der als schwuler Unterschichtprolet
überzeugt (Anm.: Klingt merkwürdig, ist aber so).
Auch Johanna Mertinz kann in ihrer Rolle brillieren, dicht
gefolgt von Rainer Frieb und Susa Meyer. Die anderen bemühen sich zumindest
redlich das Verlangte umzusetzen.
Trotz des abwegigen Szenarios verdeutlichen die überspitzt verqueren und selbstzerstörerischen Handlungen wie unendlich tiefgreifender Schmerz den Menschen mutieren lassen kann.
Prädikat:
Genial und anstrengend zugleich – bleiben Sinn und Nachvollziehbarkeit doch gelegentlich auf der Strecke.
(c) Christoph Sebastian



