Gain extra inches! Die Spam Oper
mangiapia, 2010-09-01 15:35
Das Bühnenbild - eine bewegliche
Kartonlandschaft: Stellwand, Kasten, Wolken, Instrumente und schließlich sogar
eine ganze Gebäudekulisse entstehen aus der braunen Pappe, die Nährboden für
das Stück zu sein scheint. Aus ihm erwachsen inkarnierte Spam-Mails aller Arten
und schließlich auch der Spam-Mail-Schreiberling selbst.
Das Leben eines Spammers wird musikalisch mit wild zusammengewürfelten,
zwielichtigen Klängen untermalt. Kriminell anmutendes Tastaturklicken schleicht
sich zwischen die Töne, während der maskierte Spammer auf der Bühne in
Opernmanier seinen Tages- und Arbeitsablauf beschreibt.
Seine Schöpfungen von http://top-watches.com
bis http://www.elena-porno.ru machen
sich jeweils sehr geschickt die Bühne (des Internets) zu eigen, konkurrieren
aber auch um Requisiten und veranschaulichen damit den unübersichtlichen Ordner
oder Posteingang als Tummelplatz solcher Mails.
Inhaltlich wird man von den fleischgewordenen Betrügern durchaus überrascht,
denn der gebildete Theaterbesucher wird, wenn nicht aus rein distanzierter
Neugier, kaum über die Betreffzeile einer solchen Mail hinausgelesen haben.
Doch so genial durchdacht dieses Konzept, bei dem Phishing-Mails mittels
Ausdruckstanz veranschaulicht werden, auch ist, so anstrengend ist es leider
auch:
Die für die moderne Oper typischen Disharmonien in der Musik sind nach einer Weile kaum mehr zu ertragen und auch der „Spam-Rap“, der zur Auflockerung zwischengeschoben wird, lockert die Stimmung nicht erheblich auf. Die SängerInnen Genoveva dos Santos, Bartolo Musil und Katrin Schurich bewältigen ihre Aufgabe jedoch so gut als möglich!
Freilich gleicht der Stress-Pegel durch die Kompositionen etwa dem beim
Einsichten von cirka 2000 Spam-Mails – ob das Sinn und Zweck der Sache ist,
bleibt unklar.
Schließlich haben Periklis Liakakis (Komposition,
musikalische Leitung), Annika Haller (Regie) und Florian Bogner (Klangregie)
den musikalischen Part der Pornographie-Thematik weniger disharmonisch
gestaltet. Hier sind die Wogen der Musik geglättet und auch inhaltlich ist der
metaphorische Spiegel menschlicher Bedürfnisse wesentlich klarer und
geschickter positioniert. Die unterschiedliche Herangehensweise an die beiden
Geschlechter ist schön herausgearbeitet und auch an Humor mangelt es hier
nicht.
Das Publikum weiß das lautstark zu schätzen und so wäre es eindeutig sinnvoll
gewesen, das Musiktheater an diesen Teil anzulehnen.
Generell hätte ein bisschen mehr Übertreibung im Sinne der Opernprojekte des
brut-Theaters dieser Produktion des „progetto semiserio“ nicht geschadet.
Für ein solch profanes Thema gehört einfach mehr Selbstironie zur Sache.
(c) Nick Mangafas



