Die kühle Blonde und das Feuer Spaniens
mangiapia, 2010-07-15 16:42
Die güldene Farbe im Innenhof von Stift Göttweig verschwimmt
im Takt des Glockenturms mit der Nacht, als die letzten Sonnenstrahlen langsam
hinter den Dächern versinken. Ein
gleißendes Schauspiel, nachdem sich für ein paar Sekunden Stille und Dunkelheit
einstellen, bis der mit Spannung erwartete erste Ton von der Bühne erschallt und
das gefühlte Vakuum durchbricht: Chapís Prelude zu „La Revoltosa“.
Krächz!
Und damit ist die romantische Stimmung auch erst einmal dahin. Wie schon vor
zwei Jahren klingt die Musik als käme sie aus den Boxen eines Fernsehapparates der
50er.
Trotz miserabler Aussteuerung muss man allerdings zugeben:
die Besetzung taugt.
Das Symphonieorchester der Volksoper Wien ist schlechte Akustik gewohnt und
blüht in Anbetracht der latent besseren Bedingungen (Anm.: keine vorbeirauschende
U-Bahn) förmlich auf und obgleich die Technik leider viel zu viel Emotion
schluckt, macht Dirigent Karel Mark Chichon das Beste daraus.
Die Kulturlady Barbara Rett hört man hingegen wunderbar! Sie
moderiert den Abend und stellt im schillernden Kleid die Ehrengäste vor. (Anm.:
Dass Landeshauptmann Pröll fernbleibt, ist vermutlich der kleinen Demonstration
am Fuße des Stifts zuzuschreiben, „Nein zum Horrorsteinbruch! Wir wollen kein
zweites St. Margarethen in Göttweig.“)
Stargast und Hauptattraktion des Abends ist abermals Elīna Garanča, die mir vor
allem im Laufe ihres letzten Konzertes sehr sympathisch geworden ist - hat sie doch nicht mehr nur optisch,
sondern auch gesanglich überzeugen können.
Das Programm scheint jedoch heuer nicht ganz ihrem Naturell zu entsprechen.
Spielt sie auch noch so gern damit, mit dem Feuer Spaniens hat die kühle Blonde
ihre Schwierigkeiten.
Bei Gallardo del Reys „Canciones de la Vida“ kündigt sich das fehlende
Temperament in der Stimme schon an und bei Obradors „El vito“ ist dann klar,
dass die Kombination im Zusammenhang mit allesfressenden Lautsprechern wirklich
keine glückliche ist.
Doch die Garanča hat vorgesorgt! Ihre beiden „friends“, der aus Moskau
stammende Violinist Sergej Krylov und der spanische Ausnahmegitarrist José María
Gallardo del Rey, sind mit von der Partie und präsentieren nicht nur fabulöses
und virtuoses Spiel, sondern sind auch die Ursache für ein dahinträumendes, in
andächtiger Stille verweilendes Publikum.
Sarasates „Zigeunerweisen“ und Rodrigos „Adagio / Concierto de Aranjuez“ bilden
somit das musikalische Highlight des Abends und kompensieren die ein oder
andere Schwäche der Diva.
Zum Schluss wird traditionsgemäß „Ave Maria“ von William Gomez zum Besten gegeben. Die Mezzosopranistin bekommt dafür eine kronengleiche Hutpracht aufgesetzt. Ich dränge mich mit meiner Begleitung D. mutig zur Bühne um noch ein wenig majestätische 1:1 Akustik zu erhaschen und siehe da: Vorne sitzen lohnt! Wer nicht von den Lautsprechern abhängig war, konnte tatsächlich ein annehmbares Konzert genießen...
(c) David Wint



