Die Jünglinge im Feuerofen
mangiapia, 20.07.2011 01:39
Durch gefühlte 50 Kuhkäffer gefahren, darunter ländliche Perlen, wie Schöngrabern und Guntersdorf, lande ich irgendwann in Retz, welches wohl vornehmlich durch die hiesigen Winzer bekannt ist.
Doch führt mich heute nicht der Wein sondern das lokale Theaterfestival in die niederösterreichische Gemeinde.
In der Pfarrkirche St. Stephan wird heute Benjamin Brittens Kirchenparabel „Die Jünglinge im Feuerofen“ gegeben – inszeniert von Monika Steiner.
Passend zur Thematik der Oper lautet das Sujet des Festival Retz „offene Grenzen“, das Bezug auf Österreich als Einwanderungsland und grenzüberschreitenden Kulturraum nimmt.
Der progressive Komponist Benjamin Britten beschäftigte sich immer wieder mit der Rolle von Außenseitern in der Gesellschaft und passt daher wunderbar ins Konzept.
Vertreibung, Exil und Integration sind zentrale Themen in „Die Jünglinge im Feuerofen“:
Drei Israeliten stehen im Konflikt mit ihrer eigenen Religion und der des Königs Nebukadnezar, der welcher den Gott Baal anbetet. Dieser Bezug zum alten Testament ist schon aus Verdis „Nabucco“ bekannt und im Prinzip unterscheiden sich die Konflikte kaum von denen in Brittens Parabel. Wir sehen einen, sich wegen eines Zeichen Gottes zum Judentum bekennenden, Nebukadnezar und auch die Statue des Baal, die schließlich gestürzt wird. Im krassen Unterschied zu Verdi ist hier jedoch eine Rahmenhandlung gegeben, bei der Mönche verschiedene Rollen einnehmen um die eigentliche Geschichte für das Publikum zu spielen.
Eine Besonderheit stellt die musikalische Farbenprächtigkeit dieser Oper dar. Ein Mix aus gregorianischen Gesängen, beschwingenden, Leonard Bernstein-ähnlichen Momenten, orientalischen Klängen und mystischen Trommelschlägen sorgt für Spannung und Dramatik.
Hinzu kommt ein gewisser artifizieller Charakter der Musik, der den Doppelcharakter der Inszenierung untermalt. Dieser wird seinerseits durch die hallenden Kirchenräumlichkeiten amplifiziert.
Etwaige instrumentale Patzer (Anm.: und die gibt es) sind daher natürlich kaum störend.
Eine umwerfende Akustik kommt allein schon wegen der hier quasi beheimateten gregorianisch anmutenden Gesänge, gespickt mit Orgelklängen, zustande aber auch die musikalische Leitung durch Andreas Schüller trägt sein Gutes dazu bei.
Nun ist es natürlich nicht schwierig eine kleine Kirche stimmlich auszufüllen, dennoch kann ich ruhigen Gewissens behaupten, dass die Sänger außerordentlich gute Arbeit leisten. Besonders die drei Kinder berauschen mit ihren Stimmen und der an Brittens „Sommernachtstraum“ erinnernden Melodien. Aber auch die Großen, besonders Michael Kraus in der Rolle des Abts/Astrologen, überzeugen.
Schöne, saubere Töne paaren sich mit schauspielerischem Talent und reißen den Zuschauer vor dem Hintergrund der sakralen Kulisse unweigerlich in die Welt des Stücks.
Eine mystische, inspirierte und zugleich beängstigende Atmosphäre von majestätischer Herrlichkeit zeichnen die Inszenierung aus. Dazu tragen auch Kostüme (Inge Stolterfoht) und Bühnenbild (Alexander Löffler) bei, die das barockisierte Gold des an sich gotischen Gotteshauses aufgreifen und im Zentrum auf die schnörkelfreie aber nicht minder imposante babylonische Ästhetik zulaufen lassen. Ein Spiegel der Konflikte der Jünglinge – simpel aber unglaublich smart.
Eigenschaften, die man auch dem Werk an sich zuordnen kann.
So findet sich beispielsweise im Bild des Feuerofens, in den die Jünglinge geworfen werden bevor sie durch den Engel vor dem Martyrium gerettet werden, nicht nur die weltlich-geistliche oder gesellschaftliche Dissonanz, sondern auch ein deutlich erkennbarer Verweis auf die Massenvernichtung der Juden in Deutschland.
Britten schlägt Brücken Zwischen Raum und Zeit, musikalisch wie inhaltlich.
Ein Handwerk, das man offensichtlich auch in Retz beherrscht.
Kompliment! Ein berauschender Abend geht zu Ende und das ganz ohne das Weingut besichtigt zu haben.
(c) Claudia Prieler



