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Ein Vorhang zum Schrammeln

lamprecht, 2010-07-13 10:37

Ein Theater ist ohne Vorhang nichts. Er misst gleichsam den Beifall des Publikums, je nachdem, wie lange ein Publikum applaudiert und der Vorhang daher geöffnet wird, um den Blick auf die zu feiernden Akteure frei zu geben.

Der Vorhang im Litschauer Herrentheater wurde wenige Stunden vor der Eröffnung des Schrammel.Klang.Festivals betriebsbereit gemacht. Es handelt sich dabei um einen griechischen Vorhang, also einen, der zur Seite hin aufgezogen werden kann. – Gleichsam der ganze Stolz des Intendanten, dessen Festival-Hauptspielstätte im Jahr vier damit die Komplettierung erfahren hat. Zum vollwertigen Theater geadelt sozusagen. Denn obgleich hier, im Geburtsort der Schrammeln, Zeno Stanek einem Musikfestival vorsteht, kann der Regisseur seine Theaterbesessenheit nicht leugnen, ist der ganze Ort im Schramel.Klang auf inszenierten Beinen.

Offensichtlich macht es selbst bei affiger Hitze Spaß, und darum stellen wir uns auch nicht die Frage nach dem Warum und Wozu. Immerhin: Fotomotive gibt es allemal, wenn der Biedermeier-Fleischhauer auf den Biedermeier-Offizier trifft; die Biedermeier-Eisverkäufer auf das Biedermeier-Lavendel-Kind; die Biedermeier-Eltern auf die Biedermeier-Malerin; der pfauchende Biermeier-Zug auf das Biedermeier-Pferdegespann; und dazwischen huschen Waldschratte und Geister, sogar die Puppen des Trachten-Sponsors treiben es fotovoyeuristisch im Unterholz des Wanderwegs rund um den Herrensee.

Im Zentrum der Betrachtungen natürlich: auch heuer wieder die sechs Bühnen; eine davon, als Floss getarnt, schwimmend im See. Bevölkert von rund 50 Projekten zwischen dem plänkelnden Alte-Musik-Ensemble Tandaradey und dem – wie immer – hinreissend (auch komischen) Kollegium Kalksburg, denen Schrammeln und das Wienerlied zumindest als kleinster gemeinsamer Nenner überzeugend Anliegen sind.

Zanek muss man dabei explizit für seinen Genre übergreifenden Mut zum Risiko danken, dem Publikum für seine unpuristische Offenheit gratulieren: Schrammeltöne etwa im Son-Gewand eines kubanischen Saxophon-Quartetts, Tosca/Rupert Huber bereitet den Soundteppich für die Neuen Wiener Concert-Schrammeln, Karl Markovics interpretiert mit Krzysztof Dobrek Schubert’s Winterreise, die souligen Strizzis der 5/8 in Ehr'n verschmelzen mit dem Girlie-Rock des mitreissendne Streichertrios Netnakisum – wohl keine Veranstaltung zwischen Electronic und Jazz, Klassik und Volksmusik kann diesen Spannungsbogen, wohl kaum ein Publikum ließe sich ein derartiges Crossover bieten.

Nicht alles geht freilich auf, aber das Mehr als die Summe der Teile funktioniert. Mit Humor, guter Laune und jeder Menge: einfach guter Musik! Meine persönliche Neuentdeckung des Jahres: remasuri, ein gehaltvolles Weltmusik-Amalgam.  Wer den Schrammel.Klang 2010 nachschauen und hören will: www.schrammel.tv

Wer das Festival kommendes Jahr nicht versäumen will: jetzt schon eintragen: Das 5. Schrammel.Klang.Festival findet vom 8. bis 10. Juli 2011 wieder in Litschau statt (www.schrammelklang.at).

Ein Theater ist ohne Vorhang nichts. Er misst gleichsam den Beifall des Publikums, je nachdem, wie lange ein Publikum applaudiert und der Vorhang daher geöffnet wird, um den Blick auf die zu feiernden Akteure frei zu geben. In Litschau wurde zu Recht oft und sehr lange applaudiert. Auch wenn nicht überall ein Vorhang anzubringen war.

Wolfgang Lamprecht

 



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