Fernsehen, etwas, das wir oft bis ständig tun und über das doch selten reflektiert wird – etwa dann, wenn Künstler TV-Techniken nutzen und offen legen. Wie Fernsehen in den 1960ern, 1970ern und 1980ern künstlerisch umgesetzt wurde, ist bis 6. Juni im MUMOK in „Changing Channels“ zu sehen.
„Küssen Sie eine Person auf der Leinwand“ wird man von dem Film „TV für Millionen“ von Wolf Vostell aufgefordert. Den Fernseh-Konsumenten aus seiner Passivität zu reißen und zu aktiver Beteilung zu animieren war das Anliegen dieses Künstlers, der in dieser Arbeit auch Bilder verwendet, die den Zuseher glauben lassen, sein Gerät sei kaputt. Das Aufzeigen von Mechanismen des Massenmediums war oftmals Ziel jener, die die Fernsehtechniken künstlerisch anwandten, allerdings auch jener Kollegen, die TV eben zur Verbreitung ihrer künstlerischen oder politischen Anliegen an die Massen nutzten.
Das MUMOK zeigt in der neuen Ausstellung „Changing Channels“ mehr als 120 Arbeiten zu künstlerischem Umgang mit dem Medium Fernsehen. Über „Stunden und Tage“ reicht das Material laut Kurator Matthias Michalka, der die Schau, die man daher mit einer Eintrittskarte zwei Mal besuchen darf, weniger als chronologische Präsentation dessen, was Fernsehen künstlerisch leisten kann, sieht – „Das wäre anmaßend. Wir hoffen aber Parallelen aufzuzeigen und Diskussionen aufzuwerfen.“
Lennons Flitterwochen vor der Kamera
Gleich beim Eingang der Ausstellung wird mittels Nam June Paiks „Video-Synthesizer“ der Maler im Erzeuger von TV-Bildern gezeigt, Paik veränderte darin Fernsehsignale und erzeugte Formen und Farben, auch indem er akustische Impulse optisch darstellte.
Nebenan sieht man Arbeiten von Yoko Ono und John Lennon, die ihre Flitterwochen nutzten, um ihre politischen Botschaften über die Fernsehkameras jener zu verbreiten, die in ihr offen stehendes Hotelzimmer kamen. Von Ono ist auch das beklemmende Video „Rape“ zu sehen, bei dem eine Frau von einem Kamerateam so lange und sogar in ihre Wohnung verfolgt wird, bis sie die Männer verzweifelt bittet aufzuhören.
Früher Truman
Die Vorläufer von „Truman Story“ findet man in dem Film von Michael Smith, der bereits 1982 Reality-TV vorwegnahm. Valie Export hielt – wie einige ihrer Kollegen - Fernsehzuschauern den Spiegel vor, indem sie eine fernsehende Durchschnittsfamilie zeigte. Suzanne Lacy schuf eine Parodie einer Kochschow, in der sie am Ende mit einem geschlachteten Lamm rang. Die Herstellung medialer Mythen stellte das Künstler-Kollektiv Ant Farm dar, als es das Attentat von Dallas nachstellte und Realität und Fiktion vermischte.
Das Spektrum von "Changing Channels" ist riesig, die Exponate sind in die Themenbereiche Manipulation, Ruhm, (De)Konstruktion von Information, Unterhaltung, Rezeption und andere eingeteilt. Die Ausstellung im MUMOK reicht von der Mitte der 1960er bis zur Mitte der 1980er.
Stars und Möchtegern-Celebrities
In der MUMOK factory ist zudem das gesamte TV-Oeuvre Andy Warhols zu sehen, in dem er Stars und Möchtegern-Celebrities beim Stylen, Reiten und vielem mehr filmte oder interviewte.
Spermium und Darmausgang
Bis 2. Mai bringt das MUMOK zudem auch außerhalb seiner Mauern Kunst, im Hof des Museumsquartier und auf der Museumsstraße wurden drei Skulpturen des Niederländers Joep van Lieshout aufgestellt: ein Frauentorso mit Bikini, ein Riesen- Spermium namens „Darwin“ und die „Bar Rectum“, ein überdimensionierter Darm-Ausgang. „Darwin“ wird vom MQ als Infopoint genutzt, „BikiniBar“ als Mini-Ausstellungsraum.
Diese Werke sind für MUMOK-Direktor Edelbert Köb die Konsequenz daraus, dass schon bisher „auf allen unseren Kunstwerken im öffentlichen Raum herumgeklettert und posiert wurde. Wir wollten also diesmal einen Künstler, der diese Interaktivität auch anbietet.“ Van Lieshout betont, ihm sei „der Bezug zur Funktion wichtig“.
Theresa Steininger









