Das Österreichische Theatermuseum zeigt eine umfassende Ausstellung zum Jubilar Gustav Mahler und dessen Beziehung zu Wien.
„Was bei mir latent weiterschwingt, ist die Liebe zur Heimat […] – und diese Heimat, Ihr wisst es ja, ist auf der Hohen Warte.“ Es war Anfang 1909, als Gustav Mahler so aus New York an Carl Moll schrieb.
Die Beziehung Mahlers zu Wien war von einer gegenseitigen Hassliebe geprägt. Bereits mit 15 Jahren kam er als Schüler aus Böhmen hierher, später wurde er ein ebenso geliebter wie umstrittener Hofoperndirektor, der sich Feinde schuf, als er beispielsweise heute so gängige Regeln wie jene, vor der Ouvertüre das Licht zu dämpfen und Zuspätkommende nur in der Pause einzulassen, einführte. Auch als Dirigent der Wiener Philharmoniker führte er diese zwar auf deren erste Tournee, brachte jedoch durch seine Interpretationen von Werken berühmter Komponisten und durch seine fordernde Arbeitsweise Musiker und Kritiker gegen sich auf. 1907 verließ er Wien in Richtung Amerika, nicht ohne das Musikleben der Stadt maßgeblich geprägt zu haben und es auch noch nach seiner Abreise zu beeinflussen.
Das Österreichische Theatermuseum widmet dem Komponisten und Dirigenten nun eine umfassende, großzügig angelegte Ausstellung, mit welcher der generalsanierte 1. Stock, in dem vorher die permanente Schausammlung zu sehen war, wieder eröffnet wird. Zu sehen sind kostbare Partituren, die Mahlers Notizen aufweisen, Reisekappe, Taktstock, zahlreiche Fotos von Zeitgenossen, Wegbegleitern, Freunden und Feinden, Bühnenentwürfe seines künstlerischen Partners über viele Jahre, Alfred Roller, und Kostüme.
Ausstellung als Symphonie
Die Schau ist wie eine Symphonie aufgebaut, drei Sätze sind den Studienjahren, der Zeit an der Hofoper und dem Kapitel "Abschied und Nachwirkung" gewidmet, jeweils eindrucksvoll in Szene gesetzt: „Klagendes Lied“, von Mahler später als „Opus 1“ bezeichnet, eröffnet die Ausstellung, die Partitur ist ausgestellt, man hört einige Takte aus der Komposition, zudem ist eine Videoinstallation von Claudia Rohrmoser mit künstlerischen Assoziationen zu dem Musikstück auf einer kreisförmigen Leinwand zu sehen. Ebenso geht man im zweiten Hauptraum mit dem Adagietto aus der V. Symphonie - einem Exponat, auf das Kurator und Direktor Thomas Trabitsch besonders stolz ist - um, sowie im dritten Hauptraum mit Mahlers IX. „Man sieht es, man hört es und man sieht es wieder“, sagt Trabitsch bei seiner Führung für die Autorin dieser Zeilen.
"Elementarkatastrophe"
Aufschluss über Mahlers Wesen und seine umstrittene Arbeitsweise geben zahlreiche Exponate, darunter der Brief des Cellisten Franz Schmidt, der schreibt: „Mahler brach wie eine Elementarkatastrophe über das Wiener Operntheater herein. Ein Erdbeben von unerhörter Intensität und Dauer durchrüttelte den ganzen Bau von den Grundpfeilern bis zum Giebel. Was da nicht sehr stark und lebensfähig war, musste abfallen und untergehen.“ Zahlreiche Orchestermusiker mussten gehen, andere kamen mit Mahlers Stil und seinen künstlerischen Ideen, in denen er nach dem Vorbild Richard Wagners Gesamtkunstwerke erschaffen wollte, nicht zurecht. Kritiker warfen ihm auch vor, zu rigoros mit bewunderten Komponisten umzugehen: In der Ausstellung findet sich auch eine Karikatur, auf der Mahler auf Mozarts „Don Giovanni“-Partitur herumtrampelt und andererseits den auf einer Wolke sitzenden Mozart „übermahlert“.
Ansonsten hat man die Ausstellung absichtlich locker gestaltet und auf allzu viele Musikautographen verzichtet: „Wir wollen auch Besuchern, die keine Musikexperten sind, die Möglichkeit geben, alles aufzunehmen – und wir wollen niemanden mit zu vielen Exponaten überfordern“, sagt Trabitsch. Nichtsdestotrotz lädt den Interessierten hier allerhand zum Schauen, Erforschen und Schmunzeln: Mahlers Taufbuch, einer seiner Zwickel, Rollers Auflistung über die Kosten der nächsten Bühnenbilder, Mahlers Entwürfe zum Abschiedsbrief an das Hofopern-Ensemble. Ergänzt werden die zahlreichen Original-Exponate durch Faksimile und Fotos auf einer über den Vitrinen befindlichen Bilderleiste.
Freunde und Feinde
Die Liebe, aber auch die Ablehnung, die Mahler in seiner Zeit durch seine zahlreichen Reformationen und auch wegen seines jüdischen Glaubens entgegen schlug, werden offensichtlich – nicht nur im Untertitel „leider bleibe ich ein eingefleischter Wiener“, einem Zitat aus einem Brief Mahlers an einer Wiener Gräfin. Liebe, wenn in einem Schreiben zu einem Massenabschied am Tag der Abreise Richtung New York aufgerufen wird. Ablehnung, wenn man ein Schreiben ausstellt, in dem sich Mahler vor den Wiener Philharmonikern für seine umstrittenen Änderungen in Beethovens IX. rechtfertigt.
Die Ausstellung ergibt beginnend mit einem Preludium über Wien in jener Zeit, als Mahler erstmals herkam, und endend mit einem Raum über seine Auswirkungen auf Schönberg und andere ein rundes Bild des Komponisten und lädt ein, in die Welt des Despoten, aber auch des Kämpfers für seine künstlerischen Ideen einzutauchen.
"Keine Konkurrenz"
Die Ausstellung wurde mit zahlreichen Leihgaben der Internationalen Gustav Mahler Gesellschaft, der Österreichischen Nationalbibliothek, dem Wien Museum, dem Jüdischen Museum sowie der Morgan Library and Museum New York, dem Richard-Wagner-Museum in Bayreuth und vielen mehr gestaltet. „Alle Institutionen, die zu Mahler etwas zu sagen haben, haben wir hier ins Boot geholt, um unser Projekt zu verbessern und Konkurrenz im Jubiläumsjahr zu vermeiden“, sagt Trabitsch. So findet sich einzig im Staatsopern-Museum eine weitere Sonderausstellung zu Mahler.
Die Schau im Österreichischen Theatermuseum wird am 10. März eröffnet, läuft bis 3. Oktober und wird von zahlreichen Konzerten, unter anderen mit Marjana Lipovsek, und von zwei Symposien begleitet.
Im Musikverein wird Mahler demnächst vom RSO Wien unter Bertrand de Billy gewürdigt, man spielt am 18. März seine IX. Symphonie, im Konzerthaus spielt das RSO am 25.3. und am 27.3. Mahlers VIII. Die Wiener Philharmoniker spielen Anfang Mai fünf Konzerte unter Daniele Gatti im Musikverein mit Mahlers V.
Theresa Steininger









