Wegbereiterin. „Wie schade!“ So die letzten Worte von Paula Modersohn-Becker, bevor sie am 20. November 1907 plötzlich neben ihrem Säugling tot zusammenbrach. Die Kunsthalle Krems widmet ihr eine umfassende Ausstellung.
Laut schriftlichen Aufzeichnungen ihrer Freundin Clara Rilke-Westhoff soll Modersohn-Becker noch Minuten vor ihrem Tod gesagt haben: „Nun ist es fast so schön wie Weihnachten.“ Der tragische unerwartete Tod – Modersohn-Becker starb an einer Embolie nur drei Wochen nach der Geburt ihres lange ersehnten ersten Kindes und zugleich am Höhepunkt ihres künstlerischen Schaffens – hat zur Mythenbildung rund um die Wegbereiterin der Moderne beigetragen. Zugleich wandelte sich der Blick auf ihr Œuvre innerhalb weniger Jahrzehnte. Während Modersohn-Beckers Bilder bei ihrer ersten Ausstellungsteilnahme 1899 von Kritikern als „Ekelgeschichten eines rohen Patrons, welche einem für lang den Appetit verschlagen können“, abgetan wurden, widmete man ihr bereits 1927 als erster Künstlerin weltweit ein eigenes Museum.
Ihrer Zeit voraus
In knapp 14 Jahren künstlerischen Schaffens hat die Frühexpressionistin ein vielgestaltiges Werk mit rund 750 Bildern und 1.000 Zeichnungen hervorgebracht, das sowohl formalästhetisch als auch Inhalte und Motive betreffend seiner Zeit voraus war. Zugleich fasziniert der künstlerische Werdegang, da er den Weg einer intellektuellen Frau an der Wende zum 20. Jahrhundert aufzeigt, die um Autonomie und finanzielle Unabhängigkeit von Vater und Mann ringt.
Zur Malerin fühlte sich die 1876 in Dresden geborene Tochter aus bürgerlichem Hause bereits als Jugendliche berufen. Nach einer zweijährigen Ausbildung an einer privaten Mal- und Zeichenschule in Berlin zieht es sie 1898 in die nördlich von Bremen gelegene Künstlerkolonie Worpswede, wo sie Unterricht bei dem Figurenmaler Fritz Mackensen erhält. In Worpswede entstehen impressionistische lyrische Naturbilder, die bereits die Entwicklung einer expressiven Malerei andeuten. „Die große Einfachheit der Form, das ist etwas Wunderbares“, schreibt Paula Modersohn-Becker in ihren Tagebüchern.
Paris – im Zentrum der Kunstwelt
Bald flüchtet Modersohn-Becker aus der provinziellen Enge nach Paris und folgt somit der Bildhauerin und späteren Rilke-Frau Clara Westhoff, die ihr in Worpswede zur „Freundin und Schwesternseele“ geworden war. In Paris, wo Modersohn-Becker sich im Laufe ihres kurzen Lebens viermal aufhält, findet sie entscheidende Inspirationen für ihre Kunst. Neben der Begegnung mit antiken Porträts und Figurendarstellungen außereuropäischer Kunst sind es vor allem die Werke Paul Cézannes oder die Bilder der Künstlergruppe „Nabis“, die sie darin bestätigen, einen radikal eigenwilligen Stil zu entwickeln.
Wie innovativ Modersohn-Beckers Œuvre inhaltlich und formal ist, spiegeln vor allem die etwa 30 gemalten und mehr als 20 gezeichneten Selbstporträts, in denen die Künstlerin ihrer physischen wie psychischen Befindlichkeit ausdrucksstark und ungeschönt auf den Grund geht. Zu den Ikonen der frühen Moderne zählt ihr 1906 in Paris entstandenes „Selbstporträt am 6. Hochzeitstag“. Der Halbakt entstand zu einer Zeit, in der die damals Dreißigjährige ihren Mann verlassen hatte und nach Paris gegangen war, um sich ausschließlich ihrer Kunst zu widmen. Ein revolutionäres Bild: Zwar waren Frauen in vergangenen Jahrhunderten stets Objekte männlicher Gemälde, aber dass eine Frau sich selbst jenseits des männlichen Blicks malt – undenkbar.
Von Johanna Schwanberg









